Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- 16 (30.6.1939)
- Date
- 1939-06-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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*AHIS*;tt AI SHAHE fahrganft 1 Nr. 10 — fcinteinummfr hfl 0*20 JUDISCHE f F1, RUNDSCHAU K«*»kUon ftrlH und AuMlfM-Terwittant: '««{*«r^ «I K R | Ä A L K M «rtcfcttol «t«»»! «■otonlt!«!. - AcMütfilBftftlUB« für ÜL Mn4»t H-n .!<«?..J.t Mr.. 1<S'H >» ...0.;>. — OMcblflMMl« fttr Barop» (nur mä mm ™ *m ■* •ft.wMJwllch J»r««»J«m F O l ««• Für iMfjUttn.i ».lM(.r,i,ni T«l aW, «fj.,lttlor> 'in« Ahorn»m«nli,Miihm< für F. « r o p» ml •»« . I, Äflkrfh l*r*«l Str. _ AmMf ™t,.t. r*r l.«f«M,t» MU A Inf rlk» I ■ Ii», r.« .1, ''r^w»«. Taris IJ.. _ O^-hnfU*^!- für W * " ' M-* ' - An-.-i.-cn t„f*U* in rt Nn,l..... « . .| .....' -»lt. '*Mp«'l7hH«hJ 1>J-A<»i»: S. MikTPb itrvt Str.. Telephon 3102. — R*4*kti«tt»*cUaM: n I \l 1 i fu t i t f* :v. /-im »•••• iu |„.->, Otn: (»rit» ' i (.,'•>, ■ ■' i ,'. a> |„ m...u. J*den Mont«« S Uhr mehr». 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Was die Lage in Ticntsin betrifft, so sind die Konsequenzen des , dortigen Konflikts noch nicht zu Ubersehen, vor allem ist nicht klar, ob es? sich um eine lokale Angelegenheit handelt oder ob die Japaner ihre Parole, Europäer und Amerikaner aus ihren autonomen Handelsniederlassungen im Fernen Osten zu vertreiben („Asien den Asiaten"), ernst meinen. Sollte dies der Fall sein, dann stünden wir vor einer grossen Krise. Wir Juden denken dabei an die vielen Tausende jüdischer Flüchtlinge, die im letzten Jahr in Shanghai landen konnten, weil die ungeordneten Verhältnisse im Fernen Osten die Formalitäten erleichterten, und deren Los unabsehbar ist, wenn sich der Konflikt ausbreitet. Aber abgesehen von dieser tragischen Einzelsorge, die in Anbetiacht der Grösse dessen was auf dem Spiel steht, eine Nebensorge ist, erhebt sich die bange Frage, Kelche Folgen die Provokationen der faschistischen ■AMPim—UMi wmt dt» Wattlna* baten werden* Der schadenfrohe Betfnil, der den ja panischen Übergriffen in Deutschland gezollt wird, und der Spott, den die deutsche Presse über England ergiesst, könnte endlich auch den Engländern, die es bis heute nicht verstehen (und es ist gewiss eine weit grössere Masse als wir denken), die Augen öffnen. Es bleibt ein völliges Kätsei, wie es der deutschen Propaganda gelingen konnte, seine seit Jahren in erster Linie gegen England (und damit natürlich Frankreich) gerichtete Kriegs- und Bündnispolitik auch nach aussen hin mit dem Schlagwort ,.A n t i k o m i n t e r »" zu maskieren. Weit entfernt davon, gegen die Tätigkeit der kommunistischen Internationale — die in Wahrheit kaum mehr merkbar ist — gerichtet zu sein, hat Deutschland seinem Paktsystem einen Tarnen gegeben, von dem es hoffte, dass er in dem englischen „Mann auf der Strasse" Sympathien wecken und auf diese Weise die innere Entschlossenheit und Kampfkraft Englands schwächen wird. Die njla- Aushängeschild und Tarnung benutzte antikommunistische Parole hat zweifellos in England — und auch in Frankreich — bis in sehr massgebende Kreise hinauf ihre Wirkung nicht verfehlt. Die jetzigen Vorgänge im Fernen Osten und das Behagen, womit in Berlin, Rom und auch in Moskau (!) die guten Handelfibeziehungen zwischen den faschistischen Staaten und Russland festgestellt und der Wunsch zu ihrer Erweiterung ausgesprochen wird, werden vielleicht doch in England wirken, falls sie genügead bekannt werden, was ja — ~ mangels eine« hoch- wertigen Propaganda-Apparates - durchaus in den breiten englischen Massen nicht der Fall ist. Diese geistige Situation interessiert uns — als Juden — darum in höherem Masse, weil Hand in Hand mit dem antikommunistischen Schlagwort auch das a n t i j ü d i s c h e Schlagwort geht. Es ist geradezu entwaffnend mit anzusehen, wie Deutsehland für sich alles für erlaubt erklärt, sogar ein Bündnis mit dem 'chtarischen, mongolischen und sicher außereuropäischen Japan, aber wenn z.E von einer Annäherung der Vereinigten Staaten an England zur gemein, samen Abwehr der faschistischen Weltherrschaft die Rede ist, dann zetert der Nazi-Propaganda-Apparat in tausend Zungen über „jüdische K r i e g s h e t z e", wobei jeder — natürlich auch der reinblütigste Arier —, der nicht dem deutschen Kommando gehorcht, ohne weiteres als Jude, Judenstämmling, Judenfreund, Boitehewiat usw. ge. brandmarkt wird, Bezeichnungen, die angesichts des Fehlens einer gleich hörbaren Gegenpropaganda allmählich wirklich im Bewußtsein der breiten Massen den Charakj ter von Herabsetzungen annehmen und bei der Erzeuj gung von Stimmungen an Stelle von Argumenten treten. [ Diese demoralisierenden Wirkungen sind eine gefährliche! Waffe, und zumindest wo wir Juden im Spiel sind — und das sind wir jetzt im reichlichen Masse .....- müssten wir j selbst in weit höherem Grade als das bisher der Fall ist, \ zur Gegenwehr greife n, Das meint konstruktive | Behandlung der Judenfrage, aber auch Aufklärung unci: Propaganda grossen Stils, Vor allern durch wirkliche! Bloßstellung der Lügen. Wir würden damit auch j den Landern einen Dienst erweisen, die, wenn auch mit' einer unbegreiflichen Passivität, das geistige Erbe der europäischen Kultur verwalten und denen der eigentliche Knmpf gilt, auch dort, wo er sich des antisemitischen Schlagwortes Ited.ient und sich zunächst an den hilflosen Juden austobt. | Das in letzter Zeit oft zitierte Wort - '- oder angebliche Woit -— Hitlers, er sei in Prag in Stiefeln einbezogen, in Warschau werde er in Pantoffeln einziehen, ist eine Andeutung dafür, wie in manchen Kreisen das Schick s a 1 Polens betrachtet wird. Bisher wird versichert, da:-?» ein Angriff auf Polen ein Kingreifen der Weltmächte zur Folge hätte, aber die :: , undurchsichtige Verzögerung des Vertrags mit Russland soll, wie englische Blätter betonen, in Berlin einen gewissen Optimismus in Bezug auf die Möglichkeit kampflosen Sieges auch in Polen erzeugen. Wie immer dem sei, der Gedanke an ein Vordringen der Nazi in dieser oder jener Form nach Polen int schrrckenorrc;?end in Anbetracht der grossen Judenmassen, die in Polen wohnen. Gewiss denken wir für den Fall eines Weltkrieges, der von allen Völkern unsagbare Opfer fordern würde, nicht zunächst nur an uns, aber die Erfahrungen des letzten Jahres in Österreich, in der Tschechoslovakei, in einem gewissen Mass auch in Ungarn und anderen Ländern, zeigen, das» unter bestimmten Konstellationen, auch ohne Ausbruch eines offenen Weltkrieges, die Juden die schwersten und unmittelbaren Leidtragenden sind. Andere Völker in Europa kämpfen, sind auf ihrem Boden, die Juden aber werden erbarmungslos verjagt mit dem Ziel der Ausrottung. Schon die bisherige Unterjochung Mitteleuropas unter die Naziherrschaft — ohne die vier Millionen Juden Polens - hat ein F 1 ü c h 11 i n g s p r o b i c m von noch nicht dagewesenem und nicht bewältigtem Ausmass geschaffen. Es steht als eines der brennendsten Probleme auf der Tagesordnung der Weltpolitik. Die Art der Behandlung des Flüchtlingsproblems kann man sich überhaupt nur dann erklären, wenn man annimmt, dass die ganze Welt sich damit abgefunden hat, in einem Provisorium zu leben, von dem man nicht j genau weiss, wann es zuende gehen wird. Die ungeheuere [ Nervenanspannung, die durch die faschistische Geisse! i und die damit verbundene ununterbrochene Kriegsdrohung! erzeugt wird, scheint nicht nur jede auf lange Sicht bc-j rechnete vernünftige Planung unmöglich zu machen, son- S dern auch den Blick für das wirkliche Wesen der Dinge j zu trüben. Wie wäre es sonst möglieh, dass man dasl II e r u m i a g e n v o n Tausenden v o n h i I f - j losen Mens c h e n über die ganze Welt tatenlos zu- \ Hesse, wo doch eine einfache Überlegung zeigt, dass das < Problem bei weiterer Dauer sich immer mehr verschärfen j muss, und je später man ernsthaft daran herangeht, umso | unentwirrbarer wird es. Das Communique, das jetzt, über die Konferenzen zwischen den Flüchtlingsorganisationen und dem Evian-Komitee bzw. dem „Verbindungs- Komitee" beim Flüchtlingskommissar ausgegeben wurde, ist nur darum so deprimierend, weil es nur Negative s enthalt, ohne dass auch nur der Versuch gemacht wird, einen positiven Plan zu entwickeln. Es ist gewiss nichts Neyes, wenn man jetzt feststellt, dass das llüchtlingsproblem In seinem heutigen Umfang nicht mehr dureh priiat« Organisationen «ml freiwillige Geldspenden loftbar Ist. Diese Tatsache hat schon vor genau einem Jahr zur Einberufung der Evian-Konferenz geführt, und der offiziell beauftragte Experte Sir John Hope-Simpson hat in seinem Bericht schon damals diese Erkenntnis ausgesprochen. Das war ja einer der Gründe, warum rnan in Evian nicht private Hilfsorganisationen zusammenberief, sondern Vertreter von Staaten. Denn nur durch eine Zusammenarbeit von Staaten ist ein Erfolg auf diesem Gebiet möglich, Die grosse moralische - - und zweifellos auch politische -~ Katastrophe unserer Zeit besteht aber leider darin, dass jeder Versuch einer überstaatlichen Zusammenarbeit an dem einseitigen Egoüsmus der einzelnen Staaten scheitert, die nicht ein Fünkcheri von ihrer Souveränität einem gemeinsamen Zweck unterordnen wollen. Dieseibe Der.kungaart, die der* Völkerbund zu einer Fiktion gemacht hat, steht einer wirklich konstruktiven Beschäftigung mit dem Flüchtlingsproblem Im Wege, und dieser Zustand der Welt und des Völkerlebens ist es, der c^4t4it fftj^xlt: / Brief an den Herattsgfher ' Von Friedrich BrfMliritz <N«'M York) Spiel mit Juden Um Kiiekhl < k »uf Kslieii Belgiens humane Politik l'rozess gegen den fraii/önisclien „Streicher' Arisierung im ..1'roteMornt" „Im Sumpf der Barbarei" IMe Woche In Erez Israel Buchrrs< Ite der , I. W. K." usw. tausende und tausende Mensehen schuldlos aufopfert und eine Fülle menschlicher Energie und Fähigkeit verlorengehen läHHl. Das« dies ein unkluges Verhaltet» ist, Nagen wir nicht nur au.s egoistischen Gründen, nicht nur weil die J u d e n die ersten Leidtragenden alnd, sondern weil wir glauben, dass durch dua passive Zuschauen auch für die Länder «elbst Nachteile und Schäden entstehen, die unabsehbare Konsequenzen haben können. Ks ist wie die Ausbreitung einer Visit, der man sich nicht entgegenstellt. Die armen Verfolgten wirken - unschuldig und unbewusst, einfach aus der objektiven Sit'i«tion heraus - - als Bazillenträger internationaler KrankhvUcn, deren Gefahr heute meina!:s jemala zu erkennen iftt. Wie auf anderen Gebieten der Politik hat man auch in dieser Sache oft den Eindruck, dass grosso Teile der europäischen Völker einfach aus Müdigkeit die Flut, hereinbrechen lassen? ohn« sich 25.u .verteidigen, d. h. ohne dss Prinzip, für das die europäische Zivilisation eingestanden ist: die v e r nt" uj 11 g e L c ft K U n g „der Dinge, zu bewahren. *te FlüehMngs-Tagungeti in London und in Paris waren zunächst mit 'optimistischen*-'Phrasen angekündigt worden, aber nach ihrem Ahschluss stehen wir vor einem ziemlich unzweideutigen Eingeständnis der R a t - 1 os i g k e i t. Die privaten Hilfsorganisationen und unter ihnen vor allem die jüdischen Hilfsorganisationen, die in. diesen letzten Jahren schon so viel Bewunderungswürdiges geleistet haben, das kaum eine Parallele in der Geschieht« privater Philanthropie hat, werden ihn: Arbeit zweifellos fortsetzen, obwohl in dem Bewusstsein, nur einem kleinen Teil helfen, nicht aber das Problem in seiner Gesamtheit losen zu können. Aber auch diese Hilfe für Einzelne ist ein grosses Werk, die gesamte Judenheit wird nach wie vor ihre Kräfte anstrenge«, um möglichst, viele ihrer Brüder und Schwestern zu retten. Vi««!l<dcht wird dennoch nach einiger Zeit ein Moment kommen, wo das Gefühl des ständigen JProviacriums Überwunden wird und etwas freiere Luft weht, Zum Status quo werden wir in der Judenfrage gewiss nicht zurückkehren können, aber eino planmäsaige und konstruktive, völkerrechtlich geschützto Siedlung« p o 1 i t i k wird dann vielleicht möglich sein. Dies alJes ist nicht mit Bitterkeit gesagt, denn wir wissen - und erkennen dankbar an , dass eine Reihe von Völkern und edeldenkcnden Menschen den W u n s c Ii haben, zu helfen. Wir erleben auch von Zeit zu Zeit Beweise dieser Hilfsbereitschaft, oft ist es irn letzten Moment ein Eingreifen der Menschlichkeit, wie im Paiie der Unterbringung der (MX) Flüchtlinge de« Dampfers „St, Louis". Di';.i schon beweist den Willen zu einer Milderung, und gerade in den letzten Monaten haben häufig führende Staatsmänner in einer humanen und verständnisvollen Weise eine Hilfsaktion befürwortet, so z. B. dieser Tago der belgische Justizminister, kürzlich der holländische Justizminister, oder der britische Innenminister Sir Samuel Hoare, dessen Reden sogar als kleine Broschüre* erschienen sind. Auch in Amerika wird vom Innenministerium, beaonciers von Minister Jckes, viel getan, um Verständnis für die Flüchtlinge zu wecken und vor allem; jener steigenden Flut der - gtöH^tenteils von aunsen ge* förderten und organisierten - Agitation entgegenzutreten, die Antisemitismus und Hass gegen Einwanderer als) ein Mittel der Unruhestiftung in dem Gastland benützen möchten. Dennoch wird in den entscheidenden Fragen kein Schritt vorwärts getan. Dies konnte msa z.B. in diesem Monat anläßlich der Reden beobachten, die einer der erfahrensten britischen Kolonialverwalt^r, Sir E d w a r d G r i g g, im englischen Unterhaun gehalten hat. Die betreffende Parlaments-Debatte galt der Tatsache, dass die britischen Kolonien, ein räumlich schier ungeheures Gebiet, in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung keineswegs «ufriedensteilen, Bei dieser Gelegenheit trat Sir Edward Grigg dafür ein, di#» FtfoMHftK ' al» das Huuiktwerkzeug dieaer ttiitwicltlttitg der Kolonlalgcbiet« zu verwenden. Der Bericht des Kolonialmintsteriums, der der erv/ähiitefl Debatte zugrunde lag, stellt selbst fest, dass gegeimärtlg