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Jüdische Weltrundschau · 1939-04-28 · 7 (28.4.1939) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
1 (1939)
Issue
7 (28.4.1939)
Date
1939-04-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Vor allem sind es die beiden Mandatarstaaten, Syrien und Palästina, die, In einem Stadium grösster Innerer Unruhe, eine endgültige Losung ihrer Probleme nicht nur aus einem europäischen Krieg, in dem ihre Mar.datsherren verwickelt sind, sondern schon aus den Vorbereitungen dazu erhoffen. Die Schwierigkeiten und die Notwendigkeit, Bundesgenossen in allen Teilen der Welt zu suchen, lässt es grossen Teilen der politisch interessierten Bevölkerung dieser beiden Länder ratjam erscheinen, ihren Druck auf die beiden, sie beherrschenden Mächte, Frankreich Und England, zu verstärken. Die radikalen Nationalisten Sowohl Palästinas wie Syriens, die seit vielen Monaten von Öen Gegenspielern Frankreichs und Englands nicht nur moralisch, sondern auch durch sehr konkrete Hilfeleistungen aufgemuntert werden, haben Ihre ganze Hoffnung auf den Krieg gesetzt. Sie rechnen heute nicht dami£( dass eine Niederlage der beiden Weststaaten nicht mehr als eine Umwandlung ihrer Abhängigkeit, nicht« anderes als die Ersetzung Englands und Frankreichs durch Italien und Deutschland in diesen Gebieten bedeuten würde, denn sie machen wie eile spät sur nationalen "ielsetzung erwachten Kleinvülker, Politik nur auf kurze Sicht, da sie ihren, politisch aocU ein wenig primitiven Parteigängern leicht fasslich* und laicht erklärliche Ziele voraatxan müssen. „Be freiung dei Lande» von der Fremdherrschaft!" ist ein leicht faasbare* Motto, Uber das man ebenso wenig nachdenken piuss, wie etwa über die Notwendigkeit, auch übermorgen etwas zum Essen zu haben, wenn man nur für den nächsten Tag versorgt ist. Es ist die typische Politik des Beduinen, von dem die Träger der revolutionären Bewegungen in den beiden Ländern abstammen. Besonders merkwürdig ist die Reaktion auf die Kriegsgefahr in Palästina. Juden wie Aiaber in Palästina vertrauen darauf, dass England im Falle des Krieges sie, und gerade sie braucht. Die Araber meinen, dass England sich die Sympathien der grossen arabischen Welt sichern müsse, um »ich den Rücken im Osten zu decken, während die Juden der Ansicht sind, dass es für England von überragender Wichtigkeit ist, eine Jüdische Arm;e am Suezkanal zu haben, die unter jeder Bedingung verläFslich ist, schon deshalb, weil ihr keine anderen i Möglichkeiten offenstehen. Beide Teile machen den gleichen; Fehler: England ,,m u s s" nämlich nicht Es muss vor j sllem nicht einen Teil gegen den anderen setzen, sondern < kann sich auf irgendeine Welse, trot* aller Lehren der letzten j twanzlg Jahre, im Notfall wieder beide Teile sichern, wie! es die* im Weltkrieg tat Überdies aber geben sich die j Araber Palästinas der überaus falschen Hoffnung hin, dass > eine Zurücksetzung des arabischen Element* In Palästina die einmütige Abkehr der arabischen Welt von England zur j Folge hätte. In Wirklichkeit aber sind die arabischen Länj der von jeder Einmütigkeit sehr weit entfernt, schon des- \ wegen, weil es Probleme zwischen ihnen gibt, die weit! gewichtiger sind, als der Appell an die allarabischen Senj timente, besonders von Seiten Palästinas, das für alle diese i Staaten ein überaus gefährlicher und wenig erfreulicher Brocken wäre Alle diese Staaten sind innerlich noch viel BU unfertig und Überdies geographisch viel zu weit entfernt, um ein Interesse an den Dingen in Palästina wichtig erscheinen zu lassen, dass das Mass politischer und diplomatischer Besprechungen überschritte. Einzig und allein Ägypten könnte, siimir.de.ii theoretisch, daran interessiert sein, in den Unterhandlungen mit England sich eine überragende Position Im Heiligen Land oder gar Syrien zu sichern. Dem! über stehen jene viel wichtigeren Tatsachen gegenüber, die ' mit der Existenz des Nilreichea überhaupt zusammenhängen, I nämlich die militärische Sicherung Ägyptens gegen Italien, j die 03 von England für immer abhängig macht, sodass jedes | Xntivcftse für Palästina zurücktreten muss. Und was Byrien I betrifft denken nur politische Dilettanten oder Demagogen, \ was häufig identisch ist, an Jene Zeiten, da das ägyptische Banner auch In Syrien wehte. Heute steht an der Grenze Syriens eine überaus starke Türkei die, aiiem Anschein nach, nicht nur au* einem elegreichen Krieg an der Seite Englands, sondern schon au* den Verhandlungen mit den Wesimächten Gewinn zu erhoffen hat Das Nordgebiet Syriens, das sich vom bereits türkischen AlexAndrette In die syrische DJeslreh erstreckt, Ist Ziel der Türkei, nicht erst seit gestern, und überdies dl« Petrofeumstadt Mosut, dls gelegentlich der Gründung des Staates Iraq beinahe turhUch geworden wäre. Der Irak der natürlich gleichfalls aus der Situation seinen Nutzen ziehen möchte, sonderlich durch Expansion nnch dem Westen, um durch Einverleibung Syriens den ersten Punkt de» panarabischen Programms zu verwirklichen, sieht sich aber nicht j nur mit einem sehr gefährlichen türkischen Interesse auf j Nonilraq konfrontiert, und nicht nur mit einer mehr \ unübersichtlichen Lage im Innern, die durch eine nicht allzu erfreuliche v/irtschaftiiehe Situation verstärkt wird, sondern auch mit dar Tatsache, dass es Im Süden an das Reich der Wahhabi grenzt. l)l< Satidije ist der Bismlfsgenösse Englands und wird, im Gegensatz zum Iraq, der Uber keinen „starken Mann" verfügt, von einer überragenden Persönlichkeit regiert, dls alle positiven Eigenschaften des religiösen Fanatikers mit einem überaus starken Sinn für politische Realitäten vereint. Diese beiden, wie man in Ihn ssa'üd sieht, durchaus nicht unvereinbaren seelischen Gegensätze, lassen es wahrscheinlich erscheinen, dass das ivahhabisclio Zentralarabien wohl der einzige arabische Staat sein dünftef der aus dem diplomatischen oder aus einem wirklichen Krieg in Europa gefestigt hervorgehen würde. Dabei darf nicht übersehen werden, dass das ihm benachbarte Verne n sehr leicht der Schauplatx eines Zuaammenstosses englischer, Aden verteidigender und italienischer, aus Abcssynlen herüberkommender Kräfte sein kann» Natürlich setzt der alte Herrscher von Yemen, der nach wie vor versucht, auf dem englischen und auf dem italienischen Pferd zu reiten -- (In den letzten Tagen verlängerte er den Vertrag mit Russland und veischrlcb sich gleichzeitig deutsche Mliitärinstrukloren) — seine Politik der Doppelgesichtigkeit fort. Bein Krieg&zlel ist klar: Wiedereroberuhg der an Ihn Ssa'Üd verlorenen Landschaft Asslr, Wiedergewinnung der zwischen Yemen und Aden gelegenen englischen Schutzsultanate und Schwächving des herätischen Wahhabl. In diesem Gedanken trifft er sien natürlich mit dem H/utchimiden, der Tnuiajordanien beherrscht, aber dieser Kmir Abdallah ist viel zu klug, um auch nur e l n e n entscheidenden Schritt zu tun, der Ihn von Englands Unterstützung entfernen könnte, zumindest von einem unbesiegten England, oder einen Schritt, dc-r ihn in die Nachbarschaft des tütlich gehassten Führers der palästinensischen Aufständischen, dos Mufti Hadach Emln bringen konnte. Emir Abdallah, der nach wie vor bereit zu sein scheint, auch mit den Juden Palästinas auf eine gemeinsame Basis zu kommen, Ist wohl der Mann, der im ganzen Vorderen Orient aus d<r gegenwärtigen Lage den grossten Nutzen erhofft, ohne einen Schritt tun zu müsst-?, der Ihn vor eindeutige Entscheidungen stellen könnte. Er ist, zumindest theoretisch ,in der Lage, mit dem Gedanken spielen zu können, eines Tages Herrschor von Palastina zu werden, oder «einen Sohn in Syrien gekrönt zu sehen, oder aber au» den etwa« unsicheren dynastischen Verhältnissen, die sich nach dem Tod des jungen Königs In Baghdad ergaben, Irgendwelchen Nutzen für seine engere Familie ziehen zu können. Die Dinge in Europa haben im Vorderen Orient ein" af*»»'* Bändel von Hoffnungen ausgelöst, die, wie alle seelischen ' Spielereien des Orientalen, im Blickfeld des Trägers dieser: Hoffnungen überaus konkrete For,?en annehmen, sobald nur! der geringste Anlas* vorhanden zu sein scheint. Sicher aber; ist, dass alle diese vielen Faktoren, d»e da» überaus bunte! Mosaik der arabischen .oder besser der vorderorienUJischen, Politik bilden, heute ungemein aktiv sind und in nicht gc •! ringem Mass In die Rechnung der beide» einander entgegen-! gesetzten Kräfte eingestellt werden. Die deutsch-italla-j nische Propaganda in den arabischen Landern und In; Palästina hat ein kaum vorstellbares Mass erreicht ,s*-jcr — j und dies Ist das Beruhigende —schon einmal hat die roman-: tische Phantasie die von ihr Besessenen getäuscht. Damal;?,; nämlich, als DensehUnd, 1914, mit dem Auabruch des Dschihad, des Heiligen Krieges In den Ländern des Islam, rechnete und dieser Dschihad nicht nur nicht ausbrach, sondern sogar einen ' gegen die Zentralmächte gerichteter. Aufstand der Wüste erj laubte. Denn Bewegungen im Orient sind keine Faktoren, \ die vorauszubesUrnmen oder als unveränderlich« Elemente in \ Rechnung einzustellen sind. Dazu ist die Psyche des Orlen* | talen. zu labil und das Spekulative seiner Politik zu unbegrenzt,! denn seine Politik Ist die Politik des Kinde«, da* nicht überj den nächsten Tag hinaussieht Dia Ewigkeiten, die über ihn | hinweggegangen sind, sind ihm, I« seiner ungebrochenen Kind-» Uchkeit. nur Tage. M. Y, Ben-Gavriei (Jerusalem»( Notizen der Woehe Jerusalem, 29. April. GcsfraiMfef« Flüchtling* PaläflUna hat in den letzten Tugen ein drariutischea Schauspiel «onderglclehen erlebt, Hau eindringlich die Ohnmacht der modernen Welt gegenüber dem Problem der KUichtlingsnot zeigt. Jeder von una könnt die Er- Zählungen Über die Schicksale von Hunderten von Menschen, die zwischen den Grenzen hin und her geschoben werden oder auf Schiffen verluden über die Moer*; geführt werden* ohne Aussieht Irgendwo Aufnahme zu finden. Es ist eine der grausigsten Seiten der Entwicklung der Welt von den Ideen der Humanität weg. Diese Heute: Joachim Prinz Über die Juden Amerika* Woche hat die Jutlenheit Paliistinas aus unmittelbaror Nähe und aus eigener Erfahrung diese Seite des jüdischen Schickaals beobachten können. Zwei griechische) Dampfer mit Flüchtlingen aus Deutschland und Oesterreich aind nach langen Irrfahrten in den palästinensischen Gewässern angekommen und an der Landung verhindert worden. Alle Versuche, die Behörden zu bewein, das« sto «ns mennchlichem Hit» gefühl die Vertriebenen ans Land lassen, sind zunächst gescheitert: Am Sonntag früh sollten die beiden Schiffe Asaimi und Panagiya Correstrio, zusammen mit etwa 450 Juden an Bord, den Hafen von Haifa verlassen. Wohin sie ihre Menschenladung bringen, weiss niemand, denn die AuagangshUfen in Griechenland oder Rumänien werden die Flüchtlinge ebenso wenig landen lassen wie Palästina- Im letzten Moment durfte wenigstens d,u* eine (kleinere) Schiff bleiben, weil die jüdische Bevölkerung Haifas solidarisch dafür eintrat. Es wird hervorgehoben, dass die englischen Polizisten sich Hehr «chonungsvoll und menschlich benommen haben; man muss bei allen Vorstellungen, die man in dieser Sache erhebt, im Auge behalten, dass nicht England an ihrem bittern Los schuld ist. Die Erregung der Juden ist begreiflich; man muss sich vorstellen, dass die meisten Passagiere dieser Dampfer Menschen sind, die gezwungen wurden, Mitteleuropa zu verlassen, ohne ein reguläres Einreisevisum in ein anderes I^and zu besitzen. Nicht aus Übermut oder aus Freude am Abenteuer haben sie sich auf diese Fuhrt begeben, sondern gezwungen und verzweifelt. Es Kind Mensehen derselben Kategorie wie wir selbst, d.h. wie .fast alle Juden in Palästina, die als Einwanderer ins Land kamen, nur glücklicher als die jetzt Betroffenen dadurch, dass sie ihrer zeitlichen Rangordnung nach ein Visum erlangt haben. Das weitere Schicksal dieser Menschen kann uns und den Juden in der Welt nicht gleichgültig sein. Schon wird ein neuer Fall eines derartigen Flüchtlingütransportes gemeldet. In drv Nahe von Gaza, bei Askalon (der Stadt Simsons) wurden ca. 200 Juden aus Deutschtand, Oesterreich und Tschechostovakei einfach ans Land gesetzt. Völlig hilflos und ohne 1/uideskennt.nJ» traten sie. den Eussmarsch durch che Dünen an, bis sie von britischen Soldaten aufgefunden wurden. Die Soldaten YaOx-n die völlig erschöpften Menschen mit Tee und flrot gelabt, rnussten sie dann aber gefangen nehmen und führten sie ins Gefängnis nach Jaffa; von dort kamen sie ins Lager 'oel Saraland. In diesem Transport sind 50 Frauen und 10 kleine Kinder. Sie waren 30 Tage auf dem Meer. Nun warfen sie des Urteilsspruches. Diese Falle der letzten Woche wären schon genug schlimm, wenn sie vereinzelt wären. Sie sind aber nicht vereinzelt. Es sind nur Einzelfälle einer langen Serie, Und es ist er." ein Anfang, Die Methode, verzweifelte und unerwünschte Menschen auf Schiffe zu laden und aufs Meer m senden, greif* um «Ich. Das Gewissen der Menschheit beruhigt sich, indem man die Augen zudrückt und nicht sehen will, was hier geschieht. Es wird immer deutlicher; Mit Palliativen irgendwelcher Art ist dies«! ungeheure, alle menschlichen Begriff»; ir. ihren Wurzeln erschütternde Problem nicht zu lösen. Es bedarf eine* kühnen Entschlusses, der den Dingen ins Augs sieht und statt der vielen ßchrouggelversuehe eins rechtliche Basis und eine umfassend organisierte Neuordnung für diese Menschen schafft.

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