Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 3-4 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Umschau. 165 wehren, wenn er sie blos als Ansichten eines Andern sich notirt hätte, er würde dies ausdrücklich gesagt, ja wohl noch einen Tadel oder doch den Ausdruck seiner eigenen Nichtbetheiligung hinzugefügt haben. Nein, wir haben es hier mit dem freien Bibelkritiker Rapoport zu thun. Daß Rap. anderweitig Resultate biblischer Kritik sich angeeignet, war schon früher bekannt; es steht fest, daß er die letzte Hälfte des Jesaias einem späteren Propheten beilegte, und daß er viele Psalmen in der makkabäischen Zeit entstehen ließ. Aber von da bis zu einer so kühnen Kritik über den Pentateuch ist noch immer ein tüchtiger Schritt, und er hat, ioie wir es hier erkennen, auch diesen gethan. Es ist bedauerlich, daß er die selbstständig gewonnene Ueberzeugung, die, wie schon aus diesen kurzen Andeutungen hervorgeht, in eigenthümlicher Weise begründet und gestaltet war, nicht weiter ausgearbeitet und während seines Lebens dargelegt hat. Der Mann der Wissenschaft hat die Verpflichtung, die Erkenntniß, mit der ihn Gott ausgestattet, auch zur Erleuchtung Anderer zu verwenden, und er ladet eine schwere Verantwortung auf sich, wenn er dieselbe gewaltsam in sich verschließt, sie vor dem Auge Anderer verdeckt. Da hat Maimonides ein anderes Wort ausgesprochen: „Kurzum, ich bin nun so. Wenn mich der Gedanke drängt, und ich kann ihn blos in der Weise darstellen, daß er Einen unter Zehntausenden, einen Denkenden befriedigt und fördert, während er vielleicht der großen Masse unerträglich erscheint, so spreche ich kühn und offen das Wort aus, das den Vernünftigen erleuchtet, mag auch der Tadel der unwissenden Menge mich treffen." Das war eben die Größe des Maimonides, daß ihn „der Gedanke drängte", daß er dessen Macht mehr ehrte als den Beifall der Unwissenden. Daß Rap. das nicht gethan, ist seine Schwäche. Aber noch schlimmer ist, daß er den Gedanken verleugnete und die eigne bessere Einsicht an Andern bekämpfte. Diese Unthat wird nicht entschuldigt, aber doch milder beurtheilt, wenn wir die Umgebung erkennen, in der er herangewachsen, wenn wir bedenken, daß der Unhold des Chaßidismus ihn bedrohte. Auch dafür bietet uns dieser Jahrgang des Ha-Schachar S. 489 ff. in einem Briefe Rap.'s einen hinlänglichen Beleg. So werden weitere Mittheilungen aus Rap.'s Nachlaß uns