Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 3 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 217 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau. 217 gebenden Bemühungen der hochherzigen Leiter der Hauptanstall wie ihrer Abzweigungen und die edlen Gesinnungen der Spender anerkennen. Und so wenig auf den Ausdruck meines persönlichen Dankes ankommen mag, so halte ich ihn dennoch nicht zurück und spreche ich ihn voll und warm aus. Allein so sehr ich bereit bin, den Personen für ihre gesinnungsvolle Hingebung meine Achtung zu bezeigen, so kann ich doch mein Urtheil über die Sache in keinem Punkte zurücknehmen. Vielmehr ersehe ich aus dem. was und wie berichtet, wie auch aus dem, was übergangen wird, daß das Urtheil ein wohlberechtigtes ist. In den Reden, welche uns der Bericht über die General- Versammlung vom 3. Februar 1870 bringt, wollen wir der französischen Eloquenz Vieles zu Gute halten. Aber die Romantik erreicht ihren Gipfelpunkt in der Rede des Hrn. Albert Cohn, wenn er, auf Asien kommend, spricht: ״Hier blüht Jerusalem, die dreimal heilige Stadt, neu empor. Vor 16 Jahren, 1854, da mir Gott das Glück gewährte, die Stadt Zum ersten Male Zu sehen, und heute — welche Veränderung, sowohl in den Bauten im Innern und Aeußern der Stadt, als im» Wohlstand, in Sprache und Sitte! Alles arbeitet. Verschiedene Handwerke werden betrieben, Spitäler, Schulen für Knaben und für Mädchen erstehn und werden zahlreich besucht; überall bringen die zahlreichen Reisenden Ideen mit und verbreiten sie. Und später: ״Ich hoffe, Jerusalem noch den Sitz der Cultur und des Glückes werden zu sehen, die ihm gebühren; — nicht als ob wir Alle dahin zurückkehrten, wir sind zu zahlreich geworden, als daß wir Alle in seinem Mauern Platz finden könnten u. s. w.^ Ich Zweifle nicht daran, daß Hr. Cohn wirklich das zu sehn glaubte, nicht was ihm ein Potemkin, sondern was ihm seine gefügige Phantasie vorzauberte. Allein andere Berichterstatter der neusten Zeit, die der Allianz, Palästina und Jerusalem sehr treu anhangeu, haben ganz entgegengesetzte Wahrnehmungen gemacht. Sie berichten vielmehr von einer fortschreitenden Verwilderung, von der tiefsten Verkommenheit, mit der die Jerusalemer alle Bestrebungen, um sie zu arbeitsamen und einsichtigen Menschen heran- Zubilden, mit blinder Wuth abweisen, mit Verketzerungen und Bannflüchen antworten, wie sie faullenzende, gefräßige Bettler bleiben wollen, anmaßend und trotzig reichliche Spenden zu fordern sich berechtigt glauben.