Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 3 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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164 I. Geist oder Geld. kein Arzt daselbst?" fragen wir mit dem Propheten. Sind jene Länder so arm an eignen Hilfsquellen, daß die alte auf einer falschen Solidaritätsvorstellung begründete Allerwelts - Bettelei immer und immer in Anwendung gebracht werden soll? Und find sie so arm, was nützt da der Tropfen, der vom heißen Steine spurlos ausgesogen wird? — Ich brauche mich Wohl kaum vor einem Miß- Verständnisse zu verwahren. Wohlthätigkeit ist eine edle Tugend, deren Pflege in Israel nie aufhören wird. Die Pflicht der Reichen ist es, wo Noch und Leiden sich offenbaren, helfend beizustehn auch nach weiter Ferne hin; aber eine allgemeine Sache aus einem vereinzelten Nochstande zu machen und überall her die Groschen zu sammeln, das ist kein Verdienst, das ist eher ein Unrecht, indem man die nöthigen Mittel dringenderen, näherliegenden, richtiger erkennbaren Bedürfnissen entzieht, die fruchtbarer getilgt werden können und die als heimische uns ausschließlich obliegen. Das Verderbliche an diesem in neuerer Zeit wieder recht in Schwung gekommenen Verfahren ist, abgesehen von der Last, welche jene Länder von sich auf die Brüder im Auslande zu wälzen sich gewöhnen, selbst in Sorglosigkeit dahinwandelnd, noch weit mehr eine andere Folge. Die Theilnahme für Unterstützung edler Zwecke wird nach dieser Richtung hin ausgebeutet, es wird blos an ein augenblickliches leibliches Elend gedacht, nicht aber an die Verstopfung der Quellen, aus denen das Uebel immer wieder neu hervorbricht. Und dieses Uebel ist: Unbildung, Glaubenswahn, Gei st es sin sterniß. Werfet sie hinaus die Tausende und aber Tausende nach der glühenden Trümmerstätte Jerusalem's; ihr nährt Rohheit, Müßiggang, Geistesverwilderung, fanatische Wuthausbrüche. Und so ist es mit Allem, was ihr für den Osten und seine jüdische Bevölkerung thut. Wo der freie Geist fehlt, da gereicht alle materielle Hülfe mehr zum Verderben als zum Heile. Was nun denn thun? Bildung hinaustragen? Auch das nicht! Man packt die Bildung nicht in die Reisetasche, um sie dort, wo sie fehlt, zum raschen Gebrauche vertheilen zu können. Es nützt auch Nichts ein Treibhaus anzulegen; die fremdländischen Pflanzen gedeihen dort nicht, es will der eigne Boden gepflegt und zu gedeihlichem Wachsthume bearbeitet werden. Aus dem Schoße des Landes selbst müssen die Kräfte hervorgehn, welche den dortigen Geistesboden urbar machen und ihm die unverdrossene Sorgfalt widmen; dann wird es ihnen auch gelingen, dann werden sie sich auch die