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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1875-01-01 · 1-2 (1875) · p. Seite 139

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
11 (1875)
Issue
1-2 (1875)
Date
1875-01-01
Page
Seite 139 (sequence 143)
Language
German
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Umschau. 139 wenn man sich scheut, die jüdische Wissenschaft ernst zu vertreten, die Ideen religiöser Bewegung in das Leben der Gemeinde einzuführen, dann kann von einem Interesse keine Spur vorhanden sein. Das officielle Judenthum steht in Frankreich noch heute auf dem Standpunkte des vorigen Jahrhunderts; weder der politische noch der intellectuelle und religiöse Fortschritt haben irgend eine Ein- Wirkung geübt, nur der Schnitt der rabbinischen Kleidung und die Phrase haben sich geändert. Die Versumpfung ist geblieben, ja nimmt zu, die Unwissenheit im jüdischen Gebiete gedeiht zu immer größerer Blüthe. Mit großer Vornehmheit spricht man von ״den religiösen Fragen, welche Deutschland theilen und die so mit sich fortreißen (gui sont si envahissantes)"; man läßt sich also eben nicht mit fortreißen und steht hübsch still. Ollaeun a son goüt, aber man erwarte und verlange dann auch keine Theilnahme bei dem Geschlechte der Gegenwart. In Frankreich sind die Bekenner des Judenthums seit achtzig Jahren volle Bürger des Staates, lieben aus vollem Herzen den französischen Boden, sind Kinder des französischen Geistes und seiner Gegenwart, und dennoch ist das officielle Judenthum noch beherrscht von allen Satzungen einer völlig todten Vergangenheit, liegt in den Banden eines fremdartigen Palästinenthums, Babylonenthums, mittelalterlichen bürgerlichen Druckes und mittelalterlicher Scholastik; es sperrt sich gegen alle Fortschrittsbestrebungen ab, die so fruchtbar auf deutschem Boden hervortreten. Das jüdische Frankreich, das ehedem seine herrliche Blüthe in der Provence hatte, in ihr, die so muthige Kämpfe führte für die geistige Freiheit gegen die Finsterlinge in ihrer eigenen Mitte wie gegen die starreren Glaubensverwandten im Norden, ja das auch in diesem Norden die kernige Exegetenschule hatte voll gesunden Menschenverstandes, ist heute ein Todesacker, und glaubt sich brüsten zu dürfen mit dem Frieden, der so verdächtigen Duftes auf demselben herrscht. Freilich solcher ״Friede" herrscht auch in der Kirche, die ihre ״allgemeine christliche Allianz" damit erkauft hat, daß sie die Hugenotten vertrieben, die gallicanischen Freiheiten preisgegeben hat, die auch den heutigen Staat zwingen möchte, den Kampf für den untrüglichen Papst zu unternehmen, die überhaupt so friedlich ist, daß sie den Staat völlig unterwühlt. Wollen die Juden diesem edeln Beispiele folgen, mögen sie es immerhin thun; aber Wundern mögen sie sich nicht, wenn ihnen ihre Mitglieder theilnahmlos entschwinden. —

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