Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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IV. Der Islam, 43 IV. Der Islam. Die Entstehung, die Ausbreitung und der Fortbestand des Islam hat sich für die Menschheit sehr fruchtbar erwiesen, sie sind für unsere Betrachtung der geschichtlichen Geistesentwickelung ungemein belehrend, und dennoch noch immer fast räthselhaft. Wir haben es ihm zu danken, daß unter seinem Einflüsse menschliche Bildung erhalten worden, daß sie über weite Strecken hin, die theils aus alter Cultur in Stumpfheit versunken, theils von irgend welcher geistigen Regung noch kaum berührt waren, sich mächtig ausgebreitet hat. Schon diese Wahrnehmung muß von der einseitigen Auffassung abbringen, welche das Christenthum als Mutter der Bildung ausgiebt, da ja der Islam sechs Jahr- Hunderte hindurch die Pflege dieser Bildung mit glänzendem Erfolge übernommen hatte, während sie dort, wo das Christenthum herrschte, in derselben Zeit immer tiefer sank. Aber auch die weitere geschichtliche Erscheinung, daß noch in den folgenden sechs Jahrhunderten, welche uns das Bild immer größeren Verfalles, namentlich geistiger Unfruchtbarkeit im Reiche des Islam darbieten, derselbe sich dennoch erhalten, ja an der Macht über seine Bekenner und an Ausdehnung Nichts eingebüßt hat, belehrt uns, daß wir sehr vorsichtig sein müssen mit dem Schluffe aus der Dauerhaftigkeit einer Religion auf ihre innere Wahrheit. Umsomehr ist die weltgeschichtliche Thatsache des Islam für uns noch immer ein ungelöstes Räthsel. Er tritt am Hellen Tage auf in einem ganz natürlichen Verlaufe. Er ragt nicht wie das Judenthum in Zeitalter hinauf, in welchen die Entwicklung der Menschheit don dunkeln Trieben geleitet wird, keine geschichtliche Beobachtung die Thatsachen begleitet; er entsteht nicht unter Umständen, welche durch innere wie äußere Kämpfe und Krämpfe die Geister zur leidenschaftlichsten Schwärmerei aufstacheln, wie sie zur Geburtszeit des Christenthums walteten. Sein Prophet ist ein Mensch von keiner besondern Bedeutung, der sich unter seinen Genossen keiner Auszeichnung erfreut, der in seinem Thun und Lassen von den Meisten mit nüchternem Auge beobachtet wird, der durch kein Martyrium zur Verklärung emporgehoben wird, und er