Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 7 (1869)
- Issue
- 3 (1869)
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 201 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Mendelssohn und Jakobi. 201 Gebieten des abstracten Denkens hält und nicht thätigen Antheil nimmt an den allgemeinen, dem gebildeten Publicum zugänglichen Culturbestrebungen, uns die ungetheilte Anerkennung auffallend bleiben. Dazu kommt, daß Mendelssohn ein Jude gewesen, was damals einen noch weit stärkeren Übeln Klang hatte als — heute. Er verbarg sein Judenthum nicht, trotzdem daß seine unabhängige Stellung ihn nicht dazu zwang dieses Bekenntniß immer offen an der Stirne zu tragen; er hielt sich streng an die kleinste Satzung des Judenthums und scheute auch nicht den kleinen Bart, welcher damals nur dem Juden eignete. Wo es galt, trat er auch als öffentlicher Anwalt der Juden und des Judenthums auf. Und dennoch verehrte ihn die christliche Welt als einen wahren Weltweisen, als den jüdischen Sokrates! Wir erklären uns diese Erscheinung nur, wenn wir uns in die damalige Humanitäts- und Aufklärungsperiode versetzen, in den Eifer, mit welchem namentlich Berlin diese Bestrebungen vertrat. Es war allerdings eine dem Christenthume feindliche oder doch dasselbe abschwächende, nivellirende Strömung herrschend; während die Theologie alle Schroffheit im Christenthum glätten, alles Uebernatürliche wegerklären und so dasselbe zu einer Vernunftreligion umgestalten wollte: unternahm die Philosophie den offenen oder geheimen Kampf gegen dasselbe, sie ignorirte es oder sie bestritt es, ja ihr waren, wie wir Dies namentlich in der ersten Periode Lessing's wahrnehmen, die Vermittelungsversuche des rationalistischen Christenthums widerwärtig, sie besorgte eine Verchristelung, eine Entstellung des reinen philosophischen Gedankens und wollte lieber das Christenthum auf seinem altorthodoxen Standpunkte wissen in seiner weit unschädlicheren Abgeschlossenheit. Für den Kenner jener Zeit bedarf es keiner weitläufigen Belege zu dieser Charakteristik. Es genüge hier eine Stelle aus einem neuen Buche*) anzuführen, das wir im Laufe unserer Betrachtung noch mehrfach benützen werden. Jakobi, freilich ein entschiedener Gegner dieser Richtung, von dessen Worten hier immer etwas abgezogen werden darf, sagt in einem Briefe an Hamann vom 11. August 1786: Der ... hat mir eine meine Vorstellung weit übertreffende *) Johann Georg Hamann's Briefwechsel mit Friedrich Heinrich Jacobi (Fünfter Land von H.'s Leben und Schriften) . . . herausgegeben von Vr. C. H. Gildemeister (Gotha 1868. LIV und 721 Seiten).