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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1870-01-01 · 2-3 (1870) · p. Seite 205

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
8 (1870)
Issue
2-3 (1870)
Date
1870-01-01
Page
Seite 205 (sequence 125)
Language
German
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Renan: Paulus. 205 aus der Enge einer jüdischen Sekte in den großen Weltmarkt einführte. Dabei macht ihn gerade seine Unklarheit bei aller Entschiedenheit, seine Schwankungen bei allem unverrückten Verfolgen des einen vorschwebenden Zieles, seine Härte neben seiner schwärmerischen Innigkeit, seine gerade Derbheit, sein redliches Bekennen unerhörter Grundsätze und sein muthiges Einstehn dafür neben fast listiger Geschmeidigkeit zu einer interessanten psychologischen Studie, die Renan mit so vieler Feinheit durchzuführen weiß. Denn R. — und das ist ein großes Verdienst seines Buches — verschont uns damit, etwa aus einem jeden Sendschreiben, das uns von Paulus geblieben, einen systematischen ״Lehrbegriff" zu erpressen, er theilt nicht die Vorliebe der christlichen Theologie für dogmatische Abgränzung, er verkennt nicht die flüssige Bewegung im Geiste des Apostels, das Gähren und allmälige Gerinnen der Gedanken in ihm, ohne daß es bei ihm zur Klarheit und zur Abrundung kommt. Bei aller hohen Bedeutung, die er ihm zuerkennt, überschätzt er ihn nicht, ja er drückt ihn vielleicht etwas herab, um sich sein verklärtes Jesusbild, das er einmal mit einer gewissen süßlichen Romantik ausgestattet hat, zu retten. Während er in diesem das Ideal des schönen jugendlichen Mannes feiert, in ihm den Juden blos als im Gegensätze zu seinen Stammesgenossen stehn läßt, hat er eine gewisse Abneigung gegen den ״häßlichen" Juden in Paulus, und sein Racenvorurtheil als ״Arier" gegen den Semiten bricht wiederum an manchen Stellen des Buches hervor. Wir übersehen Dies um so eher, als auch das Stammesbewußtsein des ״(Selten" sich hie und da gegen den Griechen aufbäumt. Was dem Buche noch besondern Reiz und Werth verleiht, das sind die treffenden und anmuthigen Schilderungen der Gegenden und Gemeinden, in welche der christliche Glaube sich durch Paulus' rastlose Thätigkeit und weite Reisen verbreitet. Erst wenn man aus diesen Schilderungen die Zerfahrenheit in dem Geistesleben der damaligen griechischen Welt, die in ihrem Zerfalle die widersprechendsten, einander auflösenden Elemente ausgenommen hatte, kennen lernt, begreift man, wie die Paulinische christliche Lehre dort so rasch Eingang gefunden. Erst sie machte die Entstehung und Ausbreitung des Heidenchristenthums möglich, welches, Anfangs von dem ursprünglichen Judenchristenthume als Abfall verdammt, erst durch die Auflösung des jüdischen Staates, die Zerstörung des Tempels und die gänzliche Aufhebung des Opferdienstes

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