Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 8 (1870)
- Issue
- 2-3 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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82 I. Von der Synode Muth nicht sinken, blieb für die große Aufgabe, die dem Institute innewohnt, thätig zu sein unablässig bemüht, sie nährten die berechtigte Hoffnung in sich, daß die fortschreitende Erkenntniß der Zeit, ihre Tag für Tag lauter mahnenden Anforderungen nothwendig ihren Ausdruck in der Versammlung finden müssen. Das siegreiche Vordringen wissenschaftlicher Erfassung des Judenthums ist eine unverkennbare Thatsache, und die Heftigkeit, mit welcher eine turbulente Neuorthodoxie auftritt, die schwachmüthigen Concesfionen, welche eine Merweltsrechtmacherei zu machen sich genöthigt sieht, legen das bündigste Zeugniß dafür ab. Die Versuche derer, welche entweder selbst zurückgeblieben oder in der Absicht, die Unklarheit, die zage Pietät, die niedrigen Leidenschaften einer wenig gebildeten Masse aufzustacheln und für ihre persönlichen unlauteren Zwecke auszubeuten, große Anstrengungen gemacht haben, Parteien zu bilden, die jüdische Presse an sich zu reißen, die Gemeinden aufzuwiegeln, sind kläglich gescheitert, klanglos zu Grabe gebracht worden. Unterdessen sind für leergewordene große Rabbinatssitze, wie Berlin, Frankfurt am Main, Pesth, Männer berufen worden, die entschieden dem Fortschritte huldigen, und dieser Ruf ist mit besonders nachdrücklicher Betonung der Gesinnung erfolgt. In den Rabbinaten französischer Zunge macht sich der reformatorische Einfluß gleichfalls immer mehr geltend. Die kleine jüdische Geschichte Astrüc's in Brüssel zeigt den vollen Drang, sich mit den fortgeschrittenen Ansichten der Kritik in Einklang zu setzen, und wenn auch der durch sie angeregte Streit keine neuen wissenschaftlichen Gesichtspunkte zur Geltung brachte, so hat er doch die Geister mächtig angeregt und bekundet, daß die perhorreszirte ״deutsche Neologie" nicht mehr vom Schauplatze zu verdrängen ist. Die Bewegung im französischen Rabbinate macht sich besonders in der seit Anfang dieses Jahres erscheinenden Bevue Israelite bemerkbar, und die praktischen Reformen, welche Paris wie die Provinzen für den Gottesdienst anstreben, sind ein sprechendes Zeugniß, daß die dortige Stagnation überwunden ist und daß man sich endlich des Zwiespaltes zwischen dem Ansprüche, an der Spitze der Civilisation zu stehen, und den thatsächlichen Verhältnissen vollkommen bewußt wird. Freilich drängt sich jenes Bemühen, die Förderung und Vertretung jüdischer Civilisation von einem Standpunkte aus zu übernehmen, der alle religiösen Differenzen ignorirt, noch immer in den