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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1870-01-01 · 1 (1870) · p. Seite 71

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
8 (1870)
Issue
1 (1870)
Date
1870-01-01
Page
Seite 71 (sequence 74)
Language
German
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Die Juden im großen deutschen Bauernkriege 1525. 71 Auch sie hatten sich in ihrer Bedrängniß an die Juden zu wenden, und wer kennt nicht die menschliche Natur, daß er zweifeln könnte, die Gelegenheit sich der lästigen Gläubiger zu entledigen, werde in dem allgemeinen Tumult nicht sofort von den Bauern benutzt sein? Das beste Mittel, durchgreifender und unblutiger als Mord, wäre Vertreibung aus dem Lande und Verbot der Ansiedelung gewesen, und eben dies ist es, was die Elsäßer, Suntgäuer und Rheingäuer Schaaren in Vorschlag bringen. Der alte Ahasver sollte seine Wanderschaft, so begehrte man, aufs Neue beginnen. Mehr als alles andere hat aber die alte Gewohnheit auf die Gemüther der Bauern gewirkt. In Zeiten, wo die Wogen poli- Lischer Erregung hoch gingen, wo das Volk in seinem Tiefsten aufgeregt wurde, haben die Juden nur zu oft unter dem Sturme des Augenblicks leiden.müssen. Nur zu oft sind sie die Blitzableiter für das Feuer gewesen, welches in den bis zur Exaltation erhitzten Köpfen der großen Masse glühte. Kaum begann die Idee der Kreuzzüge mit niegeahnter Gewalt die Seelen des Abendlandes zu packen, als sich auch die fieberhafte krankhafte Aufregung des Pöbels in gräßlichen Metzeleien gegen die Juden wandte. — Der schwarze Tod raffte Millionen von Menschen weg, die Gemüther waren durch die über jede Voraussicht furchtbare Wirklichkeit bis zum Wahnsinn erregt: die Antwort der Massen auf das Geschehene waren die Geißlervereine und die Massenmorde der Juden, vor denen die Geschichte schaudernd ihr Antlitz verhüllt. — Die Revolution von 1525 äußerte ihren Rückschlag aus die Juden in der vorhin geschilderten Art, milde genug im Vergleich zu Früherem. Und wunderbar, in dem ״tollen Jahre 1848" sind es wieder die Juden, welche im Badischen und Fränkischen, in denselben Gegenden, da der Bauernkrieg gewüthet hatte, die Verfolgungen der erregten Landbevölkerung zu erdulden haben. Bei dieser gesetzmäßigen Regelmäßigkeit der Thatsachen kann den Optimisten, welcher aus der Geschichte die Ueberzeugung vom Fortschreiten der Bildung zu schöpfen sucht, eines trösten. Die Gewaltsamkeit, mit welcher sich die Leidenschaft der aufgerüttelten Massen gegen die Juden wendet, hat sich im Lauf der Jahrhunderte nicht verstärkt, sondern abgeschwächt. Zwar, wenn man sich erkühnen will, unnennbare Leiden zu messen, wird man nicht läuguen können, daß die Verfolgung von 1348 blutiger gewesen ist

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