Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 3 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2420973-2420992-2420995--1776-2422863- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
162 I. Die gegenwärtige Lage. ist noch lange nicht erschöpft, aber doch Wohl in dieser beschränkten Angabe schon inhaltreich genug; die traurigen Folgen sind sichtbar und einschneidend genug, es jammern genug geknickte Seelen, wenn auch ihr Wimmern, ein leise ersticktes, nicht laut vernehmlich werden darf; das freie Wort, das sich gegen das kecke Unterfangen hie und da erhebt, ist von einer gefügigen Staatsgewalt schon vielfach in harte Strafe verfällt worden; die Verdummung, mag man sie auch wegleugnen, macht in einzelnen Kreisen Bedenken erregende Fortschritte, die Versuche einer hohen Körperschaft in einem Lande, das sich damit brüstet an der Spitze der Civilisation voran zuschreiten, legen ein vollwichtiges Zeugniß davon ab. Man fühlt es auch sehr Wohl, daß die politische Reaetion sich auf die religiöse stützt und sie ihrerseits wieder erhält, der wankende angebliche Petrusstuhl wird zu Gunsten des autokratischen Thrones gestützt, das zweifelhafte Erbgut Petri wird im Interesse dynastischer Erben aufrecht erhalten. Das ganze Wehe der verdumpften und gefühllosen religiösen starren Macht wird überall empfunden, und dennoch kein Schrei tiefer allgemeiner Entrüstung, kein ernster muthiger Kampf gegen diese geistige Zwingburg. Den liebenswürdigen Helden, welcher den Kampf gegen das entartete herrschsüchtige Priesterthum in das Programm der Freiheitsbestrebungen mit aufnimmt, verlacht man als einen idealistischen Schwärmer, als einen Mann, dessen Standpunkt doch eigentlich überschritten ist, da er doch noch an — Gott glaubt und an reingeistigen Bestrebungen festhält. Man glaubt noch immer, es genüge mit dem stillen kühlen Spotte, mit dem vornehmen Achselzucken, um diese gewaltige Macht zu brechen. Oder wo sind die Gemeinden, die Staatsbevölkerungen, die ernste Miene machen — nicht aus der Kirche auszutreten, sondern die Kirche für sich zu erobern, das Recht der Selbstbestimmung gegenüber der Bevormundung sich zu erringen? wo sind die Regierungen, welche die Männer der Wissenschaft in ihren unbefangenen Forschungen gegen die Anmaßungen einer abgestandenen Scholastik schützen? wo das Volk, das, des eignen Werthes eingedenk, dem Muthigen und Gewissenhaften zur Seite steht, wenn er es wagt die Verknöcherung anzugreifen? Nach einer kurzen Aeußerung des Unmuthes sinkt-Alles wieder in die alte Trägheit zurück. Ein, freilich mehr zufälliges, Ereigniß sollte an die muthige That erinnern, mit der vor drei und ein halb Jahrhunderten das