Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 5 (1867)
- Issue
- 4 (1867)
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 260 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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260 II. Die neuesten Forschungen Zeiten feststehend, als höherem göttlichen Ursprünge entstammt, unterschied man in ihr nicht die verschiedenen Phasen, welche sie, bis sie die überlieferte Gestalt gewonnen, durchzumachen hatte, betrachtete man sie vielmehr als ein aus einem Gusse hingestelltes Ganzes, das daher auch als solches zu bewahren sei. Es ist daher schon von hohem Interesse, dieser zwingenden Macht, die sich in fünf Jahrhunderten ausgebildet, mehr und mehr befestigt, im langen Zeitraum von siebzehn Jahrhunderten unbestritten geherrscht hat, näher zu treten, ihre Grundlagen und ihr allmäliges Werden genauer zu erkennen. Und diese Untersuchung ist nicht etwa blos ein geschichtliches Problem, hat nicht blos wissenschaftliches Interesse, sondern ist auch von großer praktischer Tragweite, von entscheidendem Einflüsse auf die Fortentwickelung, die zukünftige Gestaltung des Judenthums. Ein jedes geschichtliche Gesammtleben, und so namentlich das aus dem Geiste geborene einer Religionsgenossenschaft, bricht nicht mit seiner Vergangenheit, es setzt sie vielmehr auch wenn die Kraft erstarkt, die Erkenntniß erhöht ist, fort, aber es setzt sie in dem Sinne fort, daß es die früher wirksamen geistigen Kräfte aufsucht, welche die überkommene Gestaltung erzeugt haben, sie nun zu freiem Walten entbindet und sie mit schöpferischer Macht sich neu ergießen läßt. Bei aller Abweichung erhält sich die fortgeschrittene Gegenwart im engsten Zusammenhänge mit der Vorzeit, indem sie deren Geist bewahrt, frisch belebt, während sie die demselben entsprossene, nunmehr abgelebte Form abstößt. Aber zu dieser fortbildenden geschichtlichen Heilsthat bedarf sie des tiefen geschichtlichen Einblicks in die Vergangenheit mit der in ihr vollzogenen Entwickelung. Dieses reformatorische Bedürfniß mit seiner historischen Begründung hat sich bereits seit längerer Zeit geregt; seinen vollen Ausdruck findet es nunmehr in der neugewonnenen Erkenntniß über die Entstehung und Befestigung des Pharisäismus. Im gelehrten jüdischen Kreise vermag man der Begründung der neuen Ansicht selbstständig nachzugehn, indem ihm die thalmudischen Quellen zugänglich sind, und so muß dieser Gegenstand immer mehr in den Mittelpunkt der Untersuchung treten und auf diese wissenschaftlich und praktisch umgestaltend wirken. Auf dem praktisch-religiösen Gebiete ist freilich eine in den gesummten Zeitverhältnissen begründete Erschlaffung eingetreten, welche merkbare Spuren fortschreitender Erkenntniß nicht wahrnehmen läßt; die Wissenschaft arbeitet hin-