Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 6 (1868)
- Issue
- 1 (1868)
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Unser Gottesdienst. a Worte, er ist nicht erschöpft mit der Darlegung der augenblicklichen Gefühle des Einzelnen, er erfüllt sich mit der ganzen geschichtlichen Vergangenheit, mit allen Verheißungen und Erwartungen für die Zukunft, und zwar der ganzen Glaubensgemeinschaft. So umspannt er denn alle Zeiten und will deren Gehalt in sich aufnehmen; so ist er das volle Bekenntniß der Gesammtheit, das auch im Lobe und in der Bitte seinen Ausdruck findet. In dieser inneren Bedeutung des Gottesdienstes liegt die hohe Stellung, welche ihm im Gesammtleben der religiösen Genossenschaft eignet; er ist eben der reinste Ausdruck ihres Gesammtbewußtseins, das Zeugniß ihrer Zusammengehörigkeit, das geistige Band, welches die Glieder am Engsten umschließt. Die einzelne religiöse Handlung offenbart nur eine einzelne Seite, ist eine Frucht der Ueberzeugung, wird von einem Jeden gesondert geübt; der Gottesdienst enthüllt die ganze Anschauung, dringt bis in die tiefte Wurzel des Gemüthslebens, ist der Einklang, in welchen Alle vereint einstimmen. Bei dieser tiefen Bedeutung und umfassenden Wichtigkeit des Gottesdienstes ist es demnach naturgemäß, daß der Drang, ihn rein, in geläutertem Inhalte und veredelter Form zur Darstellung zu bringen, sich immer erneut, nicht zur Ruhe gebracht werden kann, bis er seine volle Befriedigung gefunden, daß er mit der fortschreitenden Vertiefung der religiösen Erkenntniß gleichfalls Schritt halten will, nach neuem entsprechendem Ausdrucke ringt. Aber auch andrerseits ist es leicht erklärlich, wie gerade seine Umgestaltung auf größere Schwierigkeiten stößt, die Versuche niemals ganz befriedigend ausfallen und daher wieder hindrängen, nochmals mit ihnen zu beginnen. An sich schon gelingt es schwer, der tiefsten Empfindung, der die Seele erfüllenden Ahnung den geeigneten Ausdruck aufzufinden, der ebenso die Erhebung des Geistes wie die Gefühlswärme aushaucht und erweckt. Was aber vorzugsweise auf Schritt und Tritt als schwer zu besiegendes Hinderniß sich entgegenstellt, das ist die Aufgabe, der Gesammtheit zu genügen, die, wenn auch in gewissen Hauptgrundsätzen einig, dennoch den Einwirkungen der geschichtlichen Geistesbewegung in sehr verschiedenem Maße folgt, daher unzählige Abstufungen darbietet. Vergeblich wäre der Versuch in geistig bewegten Zeiten, wenn der starre Stillstand der fortschreitenden Entwickelung gewichen ist, einen Ausdruck für Alle aufzufinden, einen Gottesdienst, ein Gebetbuch aufstellen zu wollen, das Allen entsprechend, Allen willkommen