Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 4 (1866)
- Issue
- 3 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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190 V. Salomon Mairnon. Betrachtungsweise seiner Umgebung aus sich heraus eine neue Denkweise sich erworben, sein Wahrheitsdrang konnte es in den ihn umgebenden Verhältnissen, denen er sich innerlich entfremdet hatte, nicht aushalten, er mußte in eine Well sich flüchten, von der er erwartete, sie sei seiner Richtung gleichartiger, er suchte Bestätigung, Belehrung, Ergänzung unter freieren, denkenden Menschen. Er wandte seine Schritte nach Deutschland, befriedigte seinen Trieb nach Erkenntniß, aber den Zwiespalt, welcher in sein Inneres gelegt war, konnte er sein ganzes Leben hindurch nicht ausgleichen. Er bildete sich an der damals herrschenden Kantischen Philosophie heran, leistete selbst schriftstellerisch Werthvolles auf diesem Gebiete, doch konnte er die innere Unruhe, die ihm durch die auseinanderklaffenden Wendungen seines Lebensganges eingeimpft war, nicht dämpfen, nicht selten drohte sein sittlicher Halt zusammenzubrechen, wovor ihn nur seine Geisteskraft bewahrte. Die kühnen Hoffnungen und Wünsche, die der heiß strebende junge Mann, gewaltig an seinen Ketten rüttelnd, in seiner trüben Einsamkeit sich gebildet hatte, die er mit hinaustrug in das ferne Land, das ihm als von idealem Lichte umflossen erschien, in sicherer Erwartung, daß sie sich ihm dort erfüllen werden, — sie scheiterten an der nüchternen Wirklichkeit, seine Ideale verblichen, der tiefe Drang nach Wahrheit nahm den Beigeschmack der Weltironie an, die Achtung vor den höhern Gütern der Menschheit drohte in einer Verspottung derselben unterzugehen. So ist Salomon Maimon nicht zu der innern Vollendung gelangt, zu der ihn die reiche Ausstattung seines Geistes unter glücklichen Umständen befähigt, hat er nicht so Bedeutendes geleistet, wie seine gediegene Kraft vermocht hätte; er ist nicht der Träger einer fördernden Entwickelung in seiner Zeit, unter seinen Genossen geworden, er ist mehr eine scharf beleuchtende Illustration einer von stürmischen Bewegungen erschütterten Zeit. Wir folgen mit theilnehmender Trauer diesen nicht zur Beruhigung gelangenden Gährungen eines starken, mächtig ringenden Geistes; wir begleiten seine Kämpfe mit Wehmuth, wie sie bei allem durch sie errungenen Fortschritte doch den innern Frieden immer mehr gebrochen und die Einigkeit selbst mit den Gleichstrebenden eher trübten als befestigten. So lernen wir ihn aus seinen Schriften kennen, die ausgearbeitet worden, nachdem er bereits ein Jahrzehnt seine Heimath verlassen hatte, als der neue Mensch in ihm schon fertig war. Wir möchten