Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 4
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 252 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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L5L I. Was thut Noth? uns daher analoge Erscheinungen im Judenthume allerdings nicht auffallen. Aber abgesehen davon, daß wir uns nicht damit beruhigen können, wenn auf anderen Gebieten dieselben Schäden sich zeigen, so sind sie unter uns auch weit gefährlicher. Eine machtlose Minderzahl kann nur gedeihen, wenn sie mit geistiger Klarheit ihr Ziel vor Augen hat und verfolgt, wenn sie durch Hingebung ersetzt, was ihr an äußern Machtmitteln abgeht. Die Erscheinungen im Christenthume, wenn sie auch nicht tiefgehende Bewegungen erzeugen, rütteln doch immer die Gesammtheit auf, werden in der Oeffentlichkeit besprochen, rufen Bestrebungen hervor, an die eine regere Zeit anzuknüpfen vermag. Im Judenthume hingegen gehen die Angelegenheiten fast unbesprochen vorüber, sie werden nur innerhalb des engsten Kreises bekannt; die Unsicherheit und Theilnahmlosigkeit droht in Verdumpfung auszuarten. Die Männer, welche die Kenntnisse und den Math haben, mit Einsicht und Hingebung als Führer zu dienen, schwinden allmälig hin, so daß die Gemeinden bald der leitenden Kräfte entbehren und in gehaltlose Atome sich auflösen. Gilt es denn doch eine Anordnung in ihren Angelegenheiten, so ist eine Uebereinstimmung nicht zu erzielen, und zwar nicht weil die Einzelnen in ihren Grundsätzen auseinandergehcn, sondern weil jeder Einzelne losgeriffen seinen eigenen Weg geht, und für ein Gesammtwerk Keiner mehr weiß, welche Grundsätze überhaupt aufzustellen sind. Die neueste Zeit bietet uns dafür die betrübendsten Beispiele. Große Gemeinden sind in die Lage gekommen, die in ihrer Mitte erledigten Rabbiner- oder Predigerstellen neu zu besetzen. Da offenbart sich eine Unklarheit und Rathlosigkeit, die den ganzen innern Jammer bloslegt. Während jeder Einzelne von denen, bei welchen die Entscheidung ruht, seinen Lebensweg ungescheut verfolgt, seinen mehr oder weniger klaren religiösen Ansichten ohne Bedenken in seinem Thun und Lassen den vollsten Ausdruck gicbt, können sie über die Richtung,, welche die Gemeinde einschlagen soll und welcher der zu wählende Rabbiner oder Prediger, als Ausdruck der officiellen Gemeinderichtung huldigen soll, zu keiner Entscheidung gelangen. Man könnte glauben, es handle sich hier um scharf ausgeprägte Glaubensbekenntniffe; weit gefehlt! Das Schiboleth, zu dem man es bringt, beruht in Fragen, die schon längst beantwortet sind, und über die man dennoch nicht untereinander, sondern in sich selbst zu keiner Sicherheit kommen kann. Ohne Kenntniß von allen Liefern Fragen spitzt man das Ganze in einige gottesdienstliche Aeußerlichkeiten zu.