Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 3 (1864-1865)
- Issue
- 1-2
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 127 (sequence 130)
- Language
- German
- Belongs to
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III. Ein Stückchen Mittelalter. 127 Beichtvätern die richtigeren Einsichten nicht aufkommen lassen. Wo ihnen ein Handwerk gestattet ist, da klagen alsbald die Zünfte über Beeinträchtigung, so daß noch 1848 die ehrsame Schusterzunst gegen die Gleichstellung der Juden, gestützt auf ihre Privilegien, auftritt. Dieser ganzen Misöre tritt glücklicher Weise eine andere gegenüber, nämlich die, daß die gauze Unbeholfenheit des Mittelalters die Handvoll Juden nöthig hat. Kaum sind dieselben ausgewiesen, fühlt man deren Unentbehrlichkeit, was für die Juden freilich das Zeugniß liefert, daß sie ebenso unschuldig sind an allen Schäden, die ihnen aufgebürdet werden, wie daß sie mit großer Gewandtheit Lücken Ln der gesellschaftlichen Ordnung auszufüllen wußten, was aber andererseits zugleich der ganzen mittelalterlichen Wirthschaft das beschämendste Armuthszeugniß ausstellt. Kaum nämlich will' der Fanatismus und die Engherzigkeit sich des Resultats seiner Gehässigkeit mit Behagen erfreuen, da fehlen die Juden an allen Ecken. Die Häuser werden werthlos, die Waaren vertheuern, das Geld wird knapp, es ist sogar für ״Küchel und Keller" des Kaisers Gefahr vorhanden; da beginnt selbst eine Hofkammer Einsicht zu bekommen, ja, was noch mehr sagen will, sogar eine theologische Facultät wird — tolerant. Die Juden werden als Heilmittel gegen sociale Uebel und als Geldquelle wieder zugelassen, ja hereingerufen. So geht es in beständigem Schwanken und Wechsel bis — nun, bis das Mittelalter gänzlich überwunden sein wird. Genug! Wenn Alterthümelei an jener grotesken Verstandlosigkeit des Mittelalters Geschmack findet, so müßte der Jude, durch die Erfahrung genügend belehrt, vor solchen phantastischen Anwandlungen bewahrt sein. Vor Allen müßte dem Manne der Wissenschaft der Blick geöffnet sein, er müßte dessen Lnne werden, daß es seine heiligste Aufgabe ist, zur unbefangenen Würdigung des Mittelalters, zur Heilung der Wunden, welche es geschlagen, beizutragen. Der Mann der Wissenschaft, welcher das Mittelalter hegt, oder es durch falsche Beleuchtung zu verklären sucht, frevelt am Geiste der Geschichte, hemmt den Fortschritt, der nur durch unparteiische Erkenntniß der vorhandenen Schäden ermöglicht wird, vergeht sich schwer namentlich gegen seine Glaubensgenossen, die vom Ungeiste des Mittelalters so schwer zu leiden hatten und die vor Wiederkehr ähnlicher Leiden nur bewahrt sind, wenn dieser Ungeist, der noch immer unter uns spukt, gänzlich gebannt sein wird. Der jüdische Theologe, welcher innerhalb seines eigenen Kreises das Mittelalter hegt, nährt selbst den gefähr-