Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 3 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Hai Gaon und die Philosophie. 207 schlag giebt. Hai war zu seiner Zeit ein Mann von weithinragendem Einflüsse. Der Glanz, in welchem das von ihm eingenommene Gaonat durch die Ehrwürdigkeit alten Herkommens strahlte, wurde von ihm noch durch die Bedeutung seiner Persönlichkeit, seine umfassende, namentlich thalmudische Gelehrsamkeit und charaktervolle Energie erhöht. Als daher sein jüngerer Zeitgenosse Samuel Ha- Levi Nagdilah im Jahre 1027 in hoher Gunst und Stellung beim Khalifen, zum Oberhaupte der spanischen Juden eingesetzt wurde, fühlte er sich gedrungen, dem ehrwürdigen geistlichen Haupte der gesammtcn Judenhcit, das zwar seine volle Anerkennung für Spanien nicht mehr besaß, aber doch noch eine bedeutende moralische Macht war, in kindlicher Ehrerbietung zu nahen, und er bewahrte diese Verehrung für Hai sein Leben lang und über Hai's Tod hinaus, so daß er sich zu dieser Zeit von einem Dajan Mazliach aus Sieilien, der die Reise nach Bagdad unternommen hatte, um Hai persönlich kennen zu lernen, ein Büchlein über Hai's Leben und Verfahren anfertigen ließ. Samuel war zwar früher, bevor er zu seiner hohen Würde gelangt war, Kaufmann gewesen, aber er war dennoch zugleich ein gelehrter Mann, und zwar nicht blos tüchtiger Thalmudist, sondern auch ein Mann von allgemeiner Bildung; er schrieb fertig und kunstvoll arabisch, versuchte sich selbst vielfach und kunstgerecht in hebräischen Dichtungen, scheint sich auf diese, die allerdings der achtdichterischen Weihe entbehrten, besonders viel zu Gute gethan zu haben, und war Freund und Mäeen der Wissenschaft. Den tieferen Fragen der Philosophie, die damals in Spanien zu bedeutender Geltung kam, ging er als Dilettant wie als practischer Staatsmann gerne aus dem Wege. Und dennoch drang sie immer mehr auf ihn ein. Sein jüngerer Landsmann und Freund, Salomo Gabirol, dem die Musen holder waren als das Glück, gehörte zu den originellsten Denkern der damaligen Zeit, und mit der vollen Gluth seiner nach dem Höchsten ringenden Seele versenkte er sich in die Tiefen der Philosophie, nur in ihr wahre Beruhigung suchend, nur sie als die einzig würdige Führerin des Denkenden verherrlichend. Der dichterische Schmuck, mit dem Gabirol die abstracte Philosophie zu umgeben wußte, zog Samuel sicherlich an; doch mochte den Dilettanten ebenso ihre Tiefe, wie den Staatsmann die neuen Bahnen, in die sic einlenkte, abschreckcn. Er glaubte nun nichts Besseres thun zu können, als sich darüber an den anerkannten geistigen Heros zu wenden, er fragte Hai um seine Meinung.