Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 3 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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166 l. Die Rabbiner der Gegenwart. ein Licht auf die zerrissenen Verhältnisse und man erblickt das Chaos. Es ist Stille, aber kein Friede, keine innere Einheit. Im Gegentheile! Die Bekenner des Judenthums fügen sich mehr und mehr den Anforderungen des Lebens, und allmä'lig werden diejenigen zu seltenen Ausnahmen, welche an den alten Satzungen festhalten. Das jüngere Geschlecht kennt dieselben kaum mehr, cs schwindet ihm die Grundlage, auf der sie erbaut sind, es sieht auf sie hin, wie auf so Manches, das sich vererbt hat, ohne daß es eine Wurzel hat in unscrm geistigen Leben, mit kaltem, theilnahmlosem Blicke. Es läßt sie irgendwo im Gemeindewinkel gelten, weil es sich nicht durch sie beengt fühlt und höchstens einen nicht drückenden jährlichen Beitrag dafür zu entrichten hat. Noch leben auch die Großväter, ׳ noch sind nicht ganz verklungene Erinnerungen da, noch üben andere Länder ihren Druck aus, und im Grunde ist man zu wenig religiös gestimmt, um sich für die Herstellung einer Ucbereinstimmung zwischen Lehre und Leben zu erwärm«׳». Man läßt jene abseiten ihre Stimme erheben und zieht ruhig seines Weges. Man hat andere Aufgaben, man ist Berufsmann, nebenbei Politiker, die höheren sittlich-religiösen Interessen mit allen anderen ideellen Fragen sind in den Hintergrund getreten. Aber eine Rückkehr zu alten Ansichten und Bräuchen wird von Tag zu Tag immer mehr ein Ding der Unmöglichkeit; der Zwiespalt wird, wenn auch verdeckt, immer klaffender. Auch die Wissenschaft ist nicht in jene Friedensseligkcit eingegangen; auch in ihr herrscht Stille, aber nicht etwa weil die Arbeit aus allseitig zugestandenen Voraussetzungen emsig treu gefördert wird. Sie regt im Gegentheile erschütternde Fragen auf, sie untergräbt alte Bollwerke, sie geht sorglos von Prämissen aus, welche mit den bestehenden Zuständen im schneidendsten Widerspruche stehn. Sie schreitet mächtig vor, ohne daß sic, sich rückwärts kehrend, sich lange verthcidigte, ohne auch daß sie die daraus folgenden Anforderungen zur Umgestaltung betonte. Und gerade deshalb ist es stille. ״Politisch ist jetzt die Stimmung," sagt ein geistvoller Denker*), ״weil das Losungswort aller Parteien, namentlich der kirchlichen, nicht die Idee, sondern die Macht ist . . . Die kirchliche Partei fragt nicht nach den inneren Kämpfen des Bewußtseins, sie ließe unser Denken Denken sein, wenn sie nur die erwünschte äußere Macht über uns *) Bischer, kritische Gänge, Heft 3 S. 35. 90.