Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 2 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Lessing-Denkmal. 87 und „Aber" im dialektischen Kampfe auszubeuten versuchten! Die zaghaften Seelen konnten den freien Mann, der kühn einherschritt, nicht dulden, und zu weichlich, um mit dem traurigen Muthe eines Wolfgang Menzel ihn zu verdammen, mochten sie ihn salbungsvoll im Grabe bekehren. Wie der große Mann, wenn er noch lebte, diese „Rettungen" mit Entrüstung von sich abgewehrt hätte! Nun lächelt er selig hernieder; er hat sein Friedenswort im „Nathan" gesprochen. Das deutsche Volk ehrt nicht den „geretteten", es ehrt den kämpfenden Lessing. Es zeigt, daß es dazu berufen ist, unverdrossen in die Schachten des Gedankens einzufahren, die Wahrheit heranszufördcrn; es will sich nicht daran genügen lassen, Erbe zu sein, cs will das Gut selbst mehren. Lessing's Kampf um geistige Freiheit war nicht inhaltlos. Ihm war der Geist nicht in rohem Materialismus untergegangen, die Freiheit nicht schrankenlose Willkür; aber auch den Materialismus, der die verdorrten Geistesgcbilde, die entgeisteten Leichen zu verehren befiehlt, verwarf er, auch die Willkür, die der geistigen Entwickelung Stillstand gebietet, bekämpfte er. Lessing ein Denkmal errichten und nebenbei geistige Knechtschaft predigen und erhalten, Ausschließlichkeit lebren und üben, engherzig und dünkelhaft sich als „Knorren" übcrheben; Lessing ein Denkmal errichten und dabei nach allen Seiten hin rücksichtsvoll, zaghaft spähend ausweichcn, sich durchwinden, klug sich von den Verhältnissen leiten lassen, ohne den mnthigcn Vorsatz in ihre Gestaltung einzugreifen — das wäre eine Verspottung seiner selbst mehr noch als ein Hohn gegen Lessing. Freuen wir uns des tapfern Gedankens, in Lesfing den Genius des deutschen Volkes zu feiern; er bürgt auch für die tapfere That Und wenn alle deutschen Männer zur Ausführung dieses Denkmals mit beizntragcn berufen sind, so mögen auch vorzugsweise die Bekenner des Judenthums dieser Aufgabe eingedenk sein. Sie haben nicht blos gegen ihn eine Schuld der Dankbarkeit zu entrichten, und auch diese ist groß genug. Er ist der einzige große Dichter, der sie als Menschen und als Träger einer sittlichen Idee zu würdigen verstand. Ihm war nicht der Jude, zumal der damalige, zu „unschön", um ihn zu berühren, er hat nicht, wie Shakespeare, ihr Weh empfunden und dennoch an ihrer Entwürdigung sich gelabt; er hat den tiefen sittlichen Fond erkannt, der sie in aller Erniedrigung aufrecht zu erhalten vermochte, der den Menschen in ihnen nicht verkommen ließ trotz unmenschlicher Behandlung. Er hat die ganze Nie- 7*