Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 2 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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86 i. Znm Lessing-Denkmal. wenn sie auch hie und da rauh gewesen, so ward sie durch zarte Freundschaft, durch huldigende Liebe geebnet. So wird aller Lebensschmcrz in nnserm Andenken an die beiden großen Dichter zu süßer Wehmuth. Der Zauber ihrer Anmuth fesselt uns, der ruhige geistige Genuß, den wir ans ihnen schöpfen, erquickt uns. Anders Lessing! Sein Wirken und sein Andenken führt unmittelbar in's Leben ein, aus dem er nicht entführt, um es von der Höhe aus zu beleuchten, das er vielmehr innerlich vergeistigt, in dessen Kampf er mnthig eingeht, zu gleichem Kampfe anspornend. Das deutsche Volk liebt wohl auch in ihm den Dichter, der die Menschennatur tief zu erfassen und ideal darzustcllen wußte, aber vor Allem liebt es an ihm die Gesinnung, die den Dichter beseelte. In Lessing prägt sich die muthigc Offenheit, der unbezwingbare Wahrheitsdrang mehr aus, als die künstlerische Anmuth; mit ihm wandeln wir weniger in den seligen Gärten der Hcsperidcn, wir durchziehen mit ihm die staubige Kampfesbahn. Das deutsche Volk ehrt in Lessing den Mann, der jedes Verdienst vor Verkennung „rettete", der die Hohlheit des eleganten Flitters entkleidete, der faden Nachäfferei den Krieg erklärte und zur Naturwahrhcit znrückführte. Das deutsche Volk huldigt vor Allem seiner letzten größten That, mit der er austrat zu gleicher Zeit gegen die aufgeblähte Bornirthcit wie gegen den mattherzigen Selbstbetrug und die convcntionelle Lüge; es huldigt dem kühnen Vertreter der Gcistcsfrciheit gegen ererbtes Vorurtheil, es huldigt dem Herausgeber der „Wolfcnbüttlcr Fragmente", dem Helden, der für sie in die Geistesschlacht zog und im „Nathan" den edelsten Schlachtgcsang, das hohe Sicgeslied anstimmte und damit — aushauchte. Sein ganzes Leben ist ein mühseliges Ringen, ein Zerarbeiten der riesigen Kraft an der erbärmlichen Gewöhnlichkeit der Verhältnisse. Sein Leib unterlag dabei; daß er trotzdem in seinem Streben die Unendlichkeit in sich getragen, daß sein Geist unsterblich ist, dafür zeugt die Verehrung, die ihn dauernd umgiebt, dafür will sie zeugen. Das deutsche Volk setzt seinem eigenen Genius ein Denkmal, indem cs Lcssing ein solches errichtet; cs zeigt, daß es dessen inne geworden, was es vermag und was es soll. Es sind Schwächlinge auch zu diesem Riesen mühsam hinaufgekrochcn und haben ihn zu sich hcrabzcrren wollen. Wie sie sich bemüht haben, ihn zu dem Ihrigen zu machen, aus ihm eine überwundene Christlichkeit herauszudeutcn; wie sie um ein jedes Wort gemäkelt und jedes „Wenn"