Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 1 (1862)
- Issue
- 1 (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 86)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2420973-2420974-2420975--0088-2421161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Nevue des deur Mondes. 83 Daß die im Schooße des französischen Protestantismus erstehende kritisch-historische Schule auch in ihr fernstehenden Kreisen sich bereits Aufmerksamkeit errungen hat, beweist ein Artikel in dem diesjährigen ersten Hefte derselben Nevue: Vs la tlleoIoZie eritique von Charles de Nemusat (S. 102—130), anlehneud an Werke von Scherer, Roville, Colani und Neuß. Der französische Geist bedarf immer eines fertigen allgemeinen Satzes, von dem aus alles Einzelne folgerichtig sich ergeben soll; er decretirt die Menschenrechte, die Existenz eines etre supreme, das suüra§6 univei^el, ohne lange über den detaittirten Inhalt dieser — Phrasen uachzudenken; ihn besticht und überwältigt der Gedanke, der im Allgemeinen richtig ist, ohne daß er jedoch die Ruhe hat, dem Gedanken die Begränzung und den inneren Gehalt zu geben, durch welche allein erst er aus der abstracten Phrase zur concretcn Wahrheit wird. Die Kritik, welche mühsam jeden einzelnen Baustein untersucht und in dieser Arbeit am Einzelnen nicht so rasch zur Construction des ganzen Gebäudes kommt, ist nicht die Sache des französischen Geistes. In der Religion ist er entweder bei aller freien Richtung doch geschichtsgläubig oder er verwirft das Ganze. Der Phrasenkünstler Bossuet ist ihm noch immer eine Autorität, wenigstens noch heute der geschickte Vertreter des vollen geschichtlichen Glaubens, der dabei anständig gefährliche Klippen zu umschiffen weiß. Der Katholicismus, der fertig und in sich abgeschlossen, mit a'ußerm Pompe und in die Augen fallenden frommen Werken auftritt, ist daher dem französischen Geiste entsprechend; selbst der Protestantismus mußte als ein fertiges System und eine geschlossene Macht auftreten und konnte sich auch nur so, wenn auch unterliegend, erhalten. Lange Zeit hatte man dort für die bedeutsamen deutschen Forschungen auf dem Gebiete der biblischen Kritik keine Empfänglichkeit; lange hin und her tasten, in Zweifel ziehen, ohne ein Bestimmtes herzustellen oder ganz abzuleugnen, das schien ihnen dort als eine ganz unfruchtbare Arbeit. Haben ja selbst die neuesten Ereignisse, die die weltliche Macht des Papstthums verkürzen und ganz in Frage stellen, zuerst bei den dortigen Freisinnigen herben Tadel gefunden, und als dann doch die Sympathieen für Italien stärker wurden, da wollen sie diese weltliche Macht zwar preisgeben, sind aber weit entfernt davon, damit auch der geistlichen Macht des Papstthums Schranken setzen zu wollen. Geht ja der Calvinist Guizot gar so weit, die Protestanten selbst für die Erhaltung der päpstlichen Macht aufzurufen, weil er glaubt, daß wo keine