Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 6 (März 1866)
- Date
- 1866-03-01
- Page
- Seite 467 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Buch Hiob. 467 Viedeücmtt, H. Das Leben Jesu, nach den Evangelien dargestellt. 8. In Comm. Berlin, Bett. Cart. 8Ngr. Wunderbar, R. I. Biblisch-talmudische Medicin. StaatSarzneikunde, gerichtliche Medicin rmd medicinische Polizei der alten Israeliten. Gr. 8. Riga. Leipzig, deiner. Geh. 1 Thlr. DAL Mich Moll. *) Das Alte Testament gibt uns, wie von mehreren andern Literaturgattungen, so auch von großen einheitlichen Lehrgedichten nur ein einziges Beispiel. Hätten wir nicht das Buch Hiob, so müßten wir daran zweifeln, daß die hebräische Spruchpoesie bis zur Gestaltung solcher Werke fortgeschritten wäre; die Annahme läge dann nahe, daß die Hebräer zur ausführlichen Darstellung großer allgemeiner Gedanken nur jene seltsame, halb poetische, halb prosaische Form besessen Hütten, die wir im Prediger und im 'Buch der Weisheit finden, und von der ich vor kurzem eine Schilderung gegeben habe. Das Buch Hiob zeigt uns aber, daß diesem hochbegabten Volk in alter Zeit die gewaltigste Dichterkraft und die schönste Vollendung der Form zu Gebote stand, wo es galt, die Wahrheit erhabener Ideen dichterisch in einem großen Ganzen zu erweisen. Der Dichter des Buches Hiob behandelt im wesentlichen denselben Gegenstand wie der um mehrere Jahrhunderte spätere Verfasser des Predigerbuches. Es ist der Widerspruch der alten Lehre vom Glück des Frommen und Unglück des Gottlosen mit der Wirklichkeit. So vielfach diese, das ganze israelitische Alterthum durchdringende, in unzähligen poetischen und prosaischen Stellen des Alten Testaments allsgesprochene Lehre auch berechtigt ist, so wahr eS mich ist, daß alle Schuld sich auf Erden rächt, so unrichtig wird sie, wenn man sie zu scharf nimmt, und namentlich, wenn man die, allerdings theoretisch richtige, Folgerung zieht, daß jedes Leiden eines Menschen als Strafe eines entsprechenden Vergehens anzusehen sei. Das Ungenügende und Falsche dieses Glaubens erkannte ein großer Dichter und schrieb zur Bekämpfung desselben den „Hiob". In diesem Lehrgedicht führt er den Satz durch, daß Gott auch über den Frommen Leiden verhängt, daß dieser aber nicht verzagen darf, sondern auf die göttliche Gerechtigkeit und Weisheit hoffen muß, die, wenn er sie auch nicht durchschaut, zuletzt alles zu einem guten Ende führen wird. Der Gedanke, daß der Mensch sich der göttlichen Bestimmung als einer schlechthin unbegreiflichen und unwiderstehlicheil Macht unbedingt zu unterwerfen habe, selbst wenn keine Aussicht auf Rettung für ihn sei, liegt im Hintergründe, aber das Peinliche desselben wird gelindert durch den erhebenden Hinweis auf Gottes ällwaltende uuerfvrschliche Weisheit und Gerechtigkeit, die nicht geleugnet werden darf, wenn sie auch der Mensch von seinem niedern Standpunkt aus nicht zu finden vermag. Man mag diese Theodieee ungenügend finden, aber ich meine, für einen alten Hebräer, der nur von einem Leben, dem auf Erden, wußte, ist keine erhabenere Auffassung der göttlicheil Weltregierung denkbar. Und ist hier nicht mn Ende »lehr Kraft des Geistes als in dem später« Glauben, der jeden Unglücklichen mit einer Anweisung auf den Ersatz im jenseitigen Leben beschwichtigt? So abstract, wie ich sie eben dargestellt habe, werden aber die Grundgedanken im „Hiob" nie ausgesprochen. Der Dichter gibt uns wahrlich keins jener prosaischen, auf bloßer Reflexion beruhenden Lehrgedichte, welche sich von der Prosa nur durch die Form und ein paar dichterische Blümchen, allenfalls auch durch einige Episoden zur Vertretung der wahren Poesie, unterscheiden. Der „Hiob" ist ein Gedicht in der vollsten Bedeutung des Wortes, voll poetischen Lebens und poetischer Gestaltung. Die miteinander kämpfenden Gedanken werden nicht in abstraeter Beweisführung einander entgegengestellt, sondern sie verkörpern sich zu anschaulichen, lebendigen Schilderungen der Wirklichkeit. Das ganze Gedicht ist von dramatischem Leben erfüllt. Die Parteien vertreten ihre Anschauungen mit Lebhaftigkeit, greifen an und vertheidigen sich bis '^) GrenZboten, IV, 1865.