Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 6 (März 1866)
- Date
- 1866-03-01
- Page
- Seite 416 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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416 Jllustr. Monatsh. für die gef. Pradenik, nachdem Reb Sawel die merkwürdige Geschichte geendigt hatte, „aber ich werd' Euch eine andere Narreschkeit fragen: sagt mir, warum wir trauern und klagen über die zehn «Zadikim» (Fromme), daß sie sind umgebracht worden, wenn die ganze Sach' gar nicht wahr ist?" „Erstens", erwiderte Reb Sawel, „ist das «Neß« (Wunder) nicht allgemein bekannt geworden, es hat müssen ein Geheimnis) bleiben; denn hätte man gewußt, daß Lupinus anstatt Rabbi Chananjah ben Taradjon umgebracht worden ist und dieser dann der Kaiser war, so hätte man ihn nicht auf dem Thron gelassen, sondern es wäre erst eine große Verfolgung und Niedermetzelung der «Jehudim» (Juden) entstanden. So aber sind auch die andern Heiligen gerettet worden, und das haben nicht einmal die Juden gewußt; nur den größten «Zadikim und Talmide Chachomim« (Frommen und Schriftgelehrten) war es bekannt, wie es zu lesen ist im «Soihar«. Zweitens beten wir in der Jomkipper- Sliche, Gott soll uns lassen beistehen den «Sechus« (Verdienst) von diesen Zadikim, weil Gott ihren Willen hat angenommen für die That, gerade so, wie wir beten aus den «Sechus« von der «Akede schel Jizchek» (Opferung Jsaak's), welchen ebenfalls Awrohm nicht in der That geopfert hat, und doch ist der gute Wille von Awrohm und Jizchek uns zur That gerechnet worden." „Es ist merkwürdig", sagte Mechol Pradenik hierauf, „daß heutzutage mehr keine uNissim» (Wunder) geschehen." „Sie geschehen nur dann, wenn sie nothwendig sind", belehrte Reb Sawel; Bärl Lederer aber sagte: „Wie kann man das sagen? -< Efscher» (vielleicht) geschehen sie heute auch, und wir wissen ebenfalls nichts davon." Unter solchen Gesprächen waren die Nachmittagsstunden dahin gegangen, und man zerstreute sich und ging nach Hause, um sich „Talles" und „Tfillim" (Gebetmantel) und Gebetriemen anzulegen, denn es nahte die Zeit, wo man sich zur Synagoge begeben sollte. Der Abend kam heran, und man sing Interessen des Judenthums. an in dieSchul' zu gehen, um „Minche" (Abendgebet) zu „dawenen" (beten) und „Wajechal" (ein Abschnitt) zu «leinen» (lesen). Anfänglich ging blos der eine oder andere mit „Talles" und „Tfilim" bekleidet durch die Gasse, das sind die „Chassidim" (Frommen) in der Gemeinde, die jeden Tag vor „Jigdal" (das erste Morgengebet) kommen. Wenn die Schul' noch nicht aufgesperrt ist, so sammeln sie sich vor derselben an und warten vor dem Hause des Herrn, bis der „Schames" (Schuldiener) kommt, die Thüre zu öffnen. Die Ansammlung war aber heute schon viel stärker als an andern Tagen, schon strömte der ganze „Oilem" (alles) herbei, denn die Dämmerung brach herein, aber der Schames war wie verschwunden. Man ärgerte sich über eine solche unverzeihliche Nachlässigkeit. Auch der Now stand schon da, bei dessen Ankunft das Gebet begonnen wird, aber der Schames kam nicht. „Das heißt eine Ordnung", sagte Berech Krupp; „wenn ich «Roschhekohl» (Vorsteher) wär', müßt' mir der Schumes fünf Gulden «Knaß» (Strafe) zahlen, und extra kriegt' er noch «Deworim roim» (einen Ausputzer)." „Wer weiß, was da mehr ist", sagte Schloime Klatschkopf,. „er mag noch schlafen." „Ein schwacher Mensch", sagte hierauf Reb Sawel Kornmehl, „ein Wunder wär' cs nicht, bei der Hitz', geht's hin und weckt's ihn auf." So äußerte jeder, wie es bei ähnlichen unerwarteten Vorfällen immer der Fall ist, seinen Aerger, der eine in ernster, der andere in hämischer Weise, aber mit all ihrem Aerger konnten sie nicht in die Schul' hinein. Endlich kam der Schames fast ohne Athem daher und erklärte, er könne den Schlüssel von der Schul' nicht finden; er habe bisjetzt in allen Winkeln herum gesucht, aber der Schlüssel ist verschwunden. Das sei ihm, solang' er Schames ist, noch nicht passirt. „Die Schamestin wird ihn für die «Tekufeh» (Mondumlauf) zum Schmalz gelegt haben", sagte Gawriele Stuffer.