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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1866-01-01 · Heft 4 (Januar 1866) · p. Seite 319

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 4 (Januar 1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 319 (sequence 79)
Language
German
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Zur Tagesgeschichte. 319 die gleichberechtigten Ansprüche der Juden nur auf dem Papier. Gestorben: Am 30. Dec. 1865, in Warschau, Herr Mathias Reser, mehrjähriger Präsident des israelitischen Gemeindevorstandes daselbst. Gemeinde-, Lultus-, Schul- und Vereinsangelegenlieiten. Eine Deputation der londoner Großshnagoge, Sir Anthony Rothschild an der Spitze, begab sich in das Mansionhouse (Amtswohnung) des Lord-Mayors Herrn Benjamin Samuel Philipps, um ihm eine Gratulationsadresse zu überreichen. Die Deputation bestand aus den angesehensten Mitgliedern der hiesigen Gemeinde. Herr Jakob Waley, Professor der Nationalökonomie an der londoner Universität, las die Adresse, deren Verfasser er war. Der Lord-Mayor dankte in herzlichen Worten und lud die Mitglieder zu einem splendiden Dejeuner, bei welchem er die Verdienste und den Wohlthätigkeitssinn des Herrn von Rothschild anerkennend hervorhob, der in der großmüthigsten Weise alle israelitischen Wohlthätigkeitsanstalten unterstützt. Die Israeliten Badens erhalten jährlich aus Staatsmitteln 950 Fl. für Cultuszwecke, ferner einen Beitrag für ihr Schulwesen, welcher nach dem Populationsverhältniß demjenigen entspricht, den die andern beiden Confessionen des Landes erhalten, und sich auf circa 3000 Fl. beläuft. Jedoch werden die israelitischen Volksschulen wenig besucht und ist jene von Karlsruhe wegen Mangel an Schülern bereits geschlossen worden. Baden hat bei einer Gesammtbevölkerung von 1,428000 Seelen 25204 Israeliten. Die pariser hat neuerdings eine Anstalt gegründet, in der auch jüdische Knaben in Mischna und Talmud unterrichtet werden. Am ersten CHanukahabend war die erste Prüfung an dieser Anstalt, und alle Anwesenden staunten über die in der kurzen Zeit erworbenen Kenntnisse der kleinen Talmudjünger. Großes Verdienst erwarben sich um diese Anstalt Herr Jsak Jedermann, Kassirer der Gemeinde, der rühmlichst bekannte Tedesco, Herr Benjamin Kaschmann und Herr Moses Dreifuß. Bei dem Leichenbegängniß des verstorbenen Königs Leopold I. hatte der Großrabbiner Di-. Löb seinen Plaß inmitten der Geistlichkeit der andern Culte. Unter der Deputation des Senats, die dem neuen König Leopold II. den Krönungseid abnahm, befand sich der Senator Bischofsheim. Ihre Majestäten der König und die Königin von Preußen besuchten die berliner neue Synagoge; die Königin äußerte sich über den Verlust, den die hiesige Gemeinde durch den Tod ihres Predigers Or. Sachs erlitten. Am 30. Dec. besichtigten Herzog Georg von Mecklenburg und dessen Gemahlin Großfürstin Katharine von Rußland die Synagoge. Literatur, Suchhunde! und Presse. Das Novemberheft von Weftermann's „Deutschen Monatsheften" bringt einen Aufsatz von E. H. Riegel: „Die Grabstätten der Philosophen", in dem auch die Grabstätte Moses Mendelssohn's geschildert wird. Die in Lhck erscheinende hebräische Wochenschrift „Hamagid", sowie die gleichfalls dort veröffentlichten Publicationen des Vereins „Mekiza Nirdomim", find nunmehr durch den Buchhandel zu beziehen. Den Debit besorgt die Buchhandlung von Emil Wiebe in Lyck. Das (englische) „Athenäum" fällt über Auerbach's „Auf der Höhe" ein im ganzen günstiges Urtheil und wirft den: Roman nur vor, daß er zu lang sei und zuviel Detailmalerei enthalte. Namentlich will dem Referenten das 134 Seiten umfassende Tagebuch von Irma nicht behagen, in welchem dieselbe nichts zu sagen hat, da die Geschichte selbst dann schon ganz erschöpft ist. Nicht unbegründet ist der Vorwurf, daß Auerbach gegen das Gesetz der Spannung, die im Roman herrschen soll, sündige, indem er die Nachforschungen nach Irma ausführlich erzähle, während die Leser längst wissen, wo sich die Heldin in vollkommener Sicherheit aufhält. Der Referent warnt davor, das ganze Werk zu übersetzen, weil die Engländer weniger tolerant seien gegen derartige Längen, als die Landsleute des Autors. Auch zieht er eine kurze Parallele zwischen Freitag's „Verlorener Handschrift" und Auerbach's „Auf der Höhe", die er in vieler Hinsicht verwandt findet: „In beiden Romanen spielt die Handlung an einem kleinen Hofe. In dem einen werden ein Professor und seine Frau in den Palast gebracht, in dem andern kommt eine Bäuerin ins Fürstenschloß als Amme für ein Königskind. In beiden Romanen ist eine fürstliche Liebe einer der Hauptincidenzpunkte. Dem Manuscript des Tacitus bei Freitag und der Scene, in welcher der Professor die cäsarische Krankheit auseinandersetzt, entspricht bei Auerbach die Aufführung der «Emilia Galotti», wo die Königin ängstlich das lebhaftere Athemholen ihrer Ehrendame belauscht. Doch hier hört die Parallele auf; die Moral Auerbach's ist sehr verschieden von der Moral Freitag's." Das „Athenäum" macht nun die wunderbare Entdeckung, daß Freitag's Moral darauf hinausgeht, die Beseitigung der vielen kleinen Fürsten zu verlangen, während Auerbach's Moral nicht politisch', oder wenn politisch, dann republikanisch ist. Daß Freitag's „Verlorene Handschrift" eine auf den deutschen Einheitsstaat hinausgehende Pointe hat, können wir bei dem besten Willen nicht herausfinden — wir meinen nur, daß sich seine Muse in der

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