Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 149 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Judenfrage in Ungarn. 149 liberalen Bürger dieses Kronlandes die Hoffnung wieder wachgerufen: es werde die Idee vollständiger Freiheit und unbedingter Gleichheit sämmtlicher Nationalitäten und Confeffionsgenossenschaften endlich auch auf ungarischem Boden zum endgültigen Durchbruch gelangen. Es haben sich zu diesem Behuf denn auch bereits die bewährtesten Federn in der periodischen Presse sowol als in selbständigen Flugschriften in Bewegung gesetzt, die eine vollkommene Aussöhnung sämmtlicher auf ungarischem Territorium wohnender Völkerstämme aufrichtig und ernstlich anstreben. Wie sehr erfreulich diese Erscheinung einerseits.auch ist, ebenso bedauernswerth ist andererseits der Umstand, daß die Engherzigkeit, mit der in Ungarn den „Bekennern der mosaischen Lehre" die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte noch immer vorenthalten werden, auf dem Gebiete der liberalen Publicistik selbst mit eiserner Consequenz aufrecht erhalten wird. In jenen schriftstellerischen Kreisen, wo man bereits zur Ueberzeugung gelangte, wie wenig gerecht, wie wenig klug es wäre, den gegründeteren Ansprüchen und Forderungen der Juden offen entgegenzutreten, da sucht man sich dadurch aus der Verlegenheit zu ziehen, indem man die ganze Angelegenheit — mit vornehmem Stillschweigen übergeht. In einer jüngst erschienenen politischen Schrift: „Die Nationalitciten- Frage" von I. Freiherrn v. Eötvös, die der Lösung der Nationalitätenstreitigkeiten in Ungarn gewidmet, fand der sonst sehr liberale Verfasser leider ebenfalls keine einzige leere Seite, um auch die Judenfrage in den Kreis seiner diesbezüglichen Erörterungen zu ziehen. Ist es gleich bei dem wahrhaft freiheitlichen Geiste, von dem die berührte Schrift in all ihren Theilen durchweht ist, nicht mit Evidenz anzunehmen, daß die Sache der ungarischen Israeliten von dem freiherrlichen Verfasser absichtlich ignorirt wurde, so ist's denn doch bereits höchst an der Zeit, auch dieser Frage durch eine umfassende, eingehende und sachgemäße Erörterung eine allseitige Beleuchtung und Würdigung angedeihen zu lassen. Dies ist's, was mit der Veröffentlichung dieser Briefe angestrebt wird. Die in diesen Briefen zum Ausdruck gelangte Rechtsanschauung gewinnt um so mehr an Bedeutung, als der Volksstamm, zu dessen Gunsten hier in so überzeugender Weise plaidirt wird, durchaus nicht als vollendetes Muster höherer, unantastbarer Tugend dargestellt wird. Es werden vielmehr dessen Licht- und Schattenseiten mit gleich gewissenhafter Unparteilichkeit hervorgehoben. blicht die künstliche Beschönigung wirklich vorhandener Fehler und Mängel hat der Verfasser zum Ziele sich gesteckt, sondern die Eruirung jener Mittel, die zur gründlichen Hebung und Wegräumung dieser Uebelstände als die geeignetsten, wirksamsten sich erweisen dürften. Von der Ueberzeugung durchdrungen, daß all' die moralischen Schäden und Gebrechen, die der Judenheit gleichsam anzukleben scheinen, weder im Rassencharakter dieses Volks, noch im Geiste seiner Religion, sondern einzig und allein in den destructiven Einwirkungen äußerer Verhältnisse ihren Grund haben, erachtet derselbe es als die unabweisbarste, heiligste Pflicht der civilisirten Menschheit, durch gründliche Beseitigung aller nachtheilig influirenden Umstände dahin zu wirken, daß kein Theit der menschlichen Gesellschaft in Koth und Schlamm untergehe. Eine social-politische Gleichstellung der Israeliten wäre vorzüglich geeignet, auf diesem Gebiet vollkommen Befriedigendes zu leisten. Dies die Grundidee vorliegender Briefe. Es wäre vielleicht nicht unangemessen gewesen, aus diesen so manches auszuscheiden, was auf das eigentliche Thema keinen directen Bezug hat; es wurde dies jedoch aus dem Grunde unterlassen, um selbe ihres brieflichen Charakters nicht zu entkleiden. *) Wir haben uns dennoch erlaubt, die Tendenz und die räumlichen Verhältnisse der „Jllustrirten Monatshefte" berücksichtigend, hie und da unwesentliche Partien wegzulaffen. Die Red.