Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 112 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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112 Jllustr. Monatsh. für die gef. den jüdischen Gesetzlehrer Smmnai fragte, ob er ihm den Grundgedanken des Judenthums angeben könnte, während er auf Einem Fuße stände, wies dieser ihn erzürnt von sich. Denn wie wäre es möglich, die große Mannichfaltigkeit und Fülle geistiger Erkenntniß und sittlicher Wahrheiten, die sich im Judenthum ausprägen, in einen gedrängten, kurzen Satz zusammenzufassen! Als er sich darauf an Hillel wandte, erwiderte ihm dieser: „Was dir Schaden bringen konnte, das füge deinem Nebenmenschen nicht zu; denu das vorzüglichste Gesetz in der mosaischen Lehre läutet: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, alles andere ist dazu uur Erläuterung." *) Dieser Gedanke kommt mir unwillkürlich in diesem Augenblick, da ich mir die Ehre gebe, einem aus ihrer Mitte an mich gerichteten Wunsche gemäß, über den Talmud zu sprechen. Dieses Werk, das aus zwölf starken Folianten besteht und 2947 Blätter*) zählt, von dem soll ich Ihnen eine faßliche Vorstellung geben, während der Minutenzeiger einmal seinen Kreislauf au der Uhr vollendet. Nun, ich will's versuchen und stelle vorweg die Definition auf: Der Talmud ist die Wissenschaft der jüdischen Religion. Man hat sich, nicht zur Ehre der Menschheit, daran gewöhnt, Wissenschaft und Religion wie Gegensätze zu behandeln und die heilige Weihe des Glaubens darin zu erblicken, daß er die Resultate der Wissenschaft verleugnet. Der Talmud aber ist das redende Zeugnis; von der unermüdlichen Gedankenarbeit eines vollen Jahrtausends, der Ausdruck von dem erhabenen Geistesweben einer Nation, die aus dein Fels des Glaubens die Funken der Erkenntnis; schlug, an welcher der Glaube sich läuterte und durchgeistigte. Bevor ein Glaubenssatz vom Talmud anerkannt wird und für wahr gehalten, muß er vor deu Denkgesetzen des Geistes sich bewährt haben im bewegten Spiel seiner geschäftigen Kräfte, die mit tausend gedanklichen Fäden die entferntesten Be- Sabbath 31a. **) Zunz, „Gottesdienstliche Vorträge". Interessen des Judenthums. ziehungen vereinigen und zur Wirklichkeit machen. Freilich hat es hiernach den Schein, als ob der Talmud die ausgesprochene Scholastik wäre; für den Kenner jedoch, der an dem Studium dieses seltenen Werks sich von Kindheit an gebildet, mit seiner Auffassungsweise und Originalität der Anschauung sich durch unmittelbaren Verkehr vertraut gemacht, die Gänge lind Wege, welche der Menschengeist in dem Meere des Talmud gezogen hat, um ihrer selbst willen durchwandert, für ihn werden die spitzen Strebpfeiler der scholastischen Discussion zu den harmonischen Säulen eines philosophischen Gedankenbaues. Anstatt der treibenden Bewegung, die uns im Tempel der Scholastik fortwährend zwischen Himmel und Erde jagt und in der Sphäre der Metaphysik gleichsam von den Beziehungen zur Erde löst: weht uns mitten im Getümmel der Geistesschlachten, deren Schauplatz der Talmud ist, die Ruhe einer wahrhaften Seelenerquickung entgegen, da wir in jedem Aligenblick das Bewußtsein einer menschlichen Umgebung genießen, mit verwandten Kräften in Wechselwirkung treten und auf dem Gebiet des wirklichen Lebens uns befinden. Die That und Arbeit, welche der Talmud all uns vollzieht, während wir sein großes Labyrinth durchwandern, besteht in der Durchbildung und Durchdringung unseres Geistes mit der Vielseitigkeit scharfsinniger, von religiösem Geist durchwehter Gesetzauslegung, insofern diese das Leben zu ihrem Boden hat, — darin, daß er uns die Weihe einer edeln und hohen Gesittung zuführt, uns zur Größe einer währen und tugendhaften Menschlichkeit erzieht. Oder vermag jemand nachzuweisen, daß im ganzen Talmud auch nur an einer Stelle ein eigentlicher Disput über das Daseiu Gottes vorhanden ist, oder über all das Metaphysische, Dogmatische, das den Inhalt der sogenannten Scholastik ausmacht? Das Judenthum kennt überhaupt kein Dogma; denn der Gottglaube, der im Herzen der ganzen Menschheit sich fort und fort mit ursprünglicher Kraft selbst erzeugt, ist füglich nicht Dogma im gewöhnlichen