Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 96 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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96 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Fall nicht für ganz unmöglich gehalten haben, denn er hatte es nicht verabsäumt, sich unter allen Umständen mit den verschiedenen Rollen vertraut zu machen und sie allswendig zu lernen. So steckte dem Knaben bereits die Schauspielerei in den Gliedern, und wenn so etwas in den Gliedern steckt, so muß es heraus, mag es noch so viel Hindernisse geben, und Hindernisse gab es allerdings in Masse. Vor allem durfte er kein wirkliches Theater besuchen. Der Besuch eines Schauspielhauses wurde ihm von seinen Aeltern untersagt. Um diese Zwangs- Maßregel zu begreifen, muß mail wissen, daß den orthodox-jüdischen Anschauungen gemäß der Besuch eines Theaters nichts Geringeres ist als der directe Weg zum Götzendienst. Endlich gelang es einem Hausfreund, den Widerwillen der gottesfürchtigen Aeltern zu überwinden, und der Knabe konnte von der drittele Galerie des deutschen Theaters herab den Zauberkünsten des Escamoteurs Philippi seine volle Aufmerksamkeit schenken. Die Nasenabschneiderei dieses Zauberers machte aber auf den Knaben einen mehr pathologischen als künstlerischen Eindruck, und die Folge davon war, daß er in Ohnmacht fiel. Doch was ein Reif werden soll, krümmt sich bald. Der Knabe ließ sich durch den unglücklichen Ausgang der ersten Expedition nicht zurückschrecken. Am Tage seiner „Bar-Mizwah" erwirkte er sich die Erlaubniß, das Theater wieder besuchen zu dürfen; er scheint also dieses Vergnügen nicht für so ketzerisch gehalten zu haben, als man ihn vielleicht glauben machen wollte. Diesmal sah er „Wilhelm Tel?" von Schiller, und von dieser Stunde angefangen war der junge Schauspieler fix und fertig. Alles gestaltete sich ihm zur Bühne, und er mag gar manchmal der Köchin mit seinen improvisirten Vorstellungen lästig gefallen sein, wenn er auf sie einen heldenhaften Angriff machte, ihr die Waffe, den Bratspieß, zu entwinden. Bald jedoch mag sich ihm die Ueberzeugung ausgedrängt haben, daß es im Theater denn doch schöner gemacht werde, als er zu Hause es im Stande sei, und so gestaltete sich das große Weltenräthsel, das für jeden Menschen eine andere Form hat, für unfern jungen Helden zu der Frage: „Wie kommt man ohne Geld ins Theater?" Die Art, wie er dies Räthsel löste, war zwar etwas gewagt und hätte ihn leicht mit der Polizei in einigen Couflict bringen können; er stahl sich nämlich da, wo das Gedränge am dichtesten war, hinein und machte dies so gut, daß er dem Billeteur glücklich durchrutschte; er ließ sich sogar, da er um 8 Uhr abends zu Hause sein mußte, mit ganz ruhigem Gewissen eine Retourkarte geben, um diese an andern Tagen wieder benutzen zu können. Es lag in dieser Manier aber unstreitig auch etwas Theatralisch-Abenteuerliches, und dies verzeiht man leicht; wenigstens scheint das heilige Vehmgericht in Kleist's „Küthchen von Heilbronn", vor welches der arme Verbrecher, in tiagrkmki ertappt, gebracht worden war, sich zu dieser milden Anschauung geneigt gefühlt zu haben, und o welch ein Glück! und wer kann die verschlungenen Wege der Zukunft vorher berechnen — der arme Sünder wurde nicht nur pardonnirt, sondern erhielt von da an freien Eintritt ins Theater unter der Bedingung, daß er sich auch manchmal verwenden lasse. So war der erste Schritt gethan, er ward Statist am deutschen Theater in Pesch. Nicht lauge sollte er in dieser Würde verbleiben. Sein Statistendienst brachte es mit sich, daß der Knabe, als Page verkleidet, einer Königin bei ihrem Krönungszuge das Diadem auf weichem Polster nachtrug, während Prinzessin Sabbat in das väterliche Haus einzog; der arme Junge hatte den „Kidusch" versäumt. Der Vater kam hinter die Schliche und mit der Statistenherrlichkeit war es vorbei; ja der Knabe mußte „als Buße"" eine gewisse Zeit hindurch früh und abends die Synagoge besuchen. So pilgerte denn der arme Sünder anstatt in den Tempel der Kunst in den Tempel der Buße, wo er das Theater vergessen sollte. Sein Gedächtniß schien sich aber nicht so schwach erwiesen zu ha-