Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1865)
- Date
- 1865-10-01
- Page
- Seite 26 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. tiers folgend dahin, so findet inan daselbst einen bescheidenen und anspruchslosen Beamten mit Bibliotheksangelegenheiten beschäftigt, einen Mann von äußerst gewinnendem Weseir und einnehmender Persönlichkeit, der durch nichts als durch seiu glattrasirtes Kinn air das Bureau erinnert. Ich muß gestehen, daß mich dies glattrasirte Kinn jedesmal, so oft ich hinkam, genirte. Ich habe immer den stillen Wunsch, der schöne röthliche Bart, der zu beiden Seiten das freundliche Gesicht umfließt, möchte in strotzender Fülle und Ueppigkeit auch das Kinn bedecken. Doch dieser stille Wunsch, der sich hier zum ersten mal die Freiheit nimmt, laut zu werden, er ist vergeblich, ein piuiu ckesickerium, denn österreichische Beamte dürfen keinen Vollbart tragen. Besucht man aber etwa zehn Stunden später, nachdem die Oper zu Ende ist, die in der Nähe des Operntheaters gelegene Künstlerkneipe in Dreher's Bierlocal, so kann man denselben Mann wiederfindcn in Gesellschaft von Künstlern, Componisten, Virtuosen, Schauspielern und Opernsängern, in Gesellschaft von Malern und Dichtern, Schriftstellern und Journalisten. Eine Flasche eingckühlten Weins vor sich auf dem Tisch, verzehrt er hier nach vollendeter Tagesarbcit ein kleines Mahl und gibt sich behaglich der gesellschaftlichen Heiterkeit und dem ungebundenen Tone hin, welcher in diesem munter-belebten Kreise herrscht, durch seine liebenswürdigen Einfälle die Gesellschaft ebenso unterhaltend, wie mit ihr genießend und an ihren Schnurren sich ergötzend. In der Wipplingerstraße Nr. 29 ist er Beamter, hier ist er Künstler in Gesellschaft von Kunstgcnossen. Es ist dies der berühmte Dichter der „Deborah", der Dichter S. H. Mosenthal. Seiner Geburt nach, wie wegen der außerordentlichen Popularität, die der Dichter gerade durch seine „Deborah" errungen, verdient Mosenthal einen der ersten Plätze unter den in dieser Monatsschrift erscheinenden Künstlerporträts. Auch kann der Zeitpunkt gar nicht geeigneter gewählt werden als eben jetzt, wo sein neuestes dramatisches Werk, die fünfactige Tragödie „Pietra", welche bereits auf mehreren deutschen Bühnen großen Erfolgs sich erfreute, in Druck erscheint und auf dem wiener Hofburgtheater zur Aufführung vorbereitet wird. Salomo Hermann Mosenthal wurde zu Kassel in Kurhessen am 14. Jan. 182! geboren. Der Tag, an dem er geboren wurde, hatte durch eine Fügung des Geschicks für dessen Vater Schmerz und Freude gepaart. Denn dieser, ein reicher Kaufmann iir Hessen-Kassel, verlor am Tage der Geburt seines Kindes das ganze Permögen. Mosenthal's Mutter ist eine geborene Weil, und zwar die Schwester des als Pädagog und Vorkämpfer für das Judenthum berühmten vr. Jakob Weil in Frankfurt a. M. und des kaiserl. königl. Regierungsraths vr. Karl Weil in Wien. Die 'Mutter hat auf die nachherige Entwickelung des Knaben großen Einfluß geübt; unser Dichter verdankt wahrscheinlich ihr die „Lust zu fabuliren", wie Goethe von seiner Mutter sagt. In der Abendstunde, ehe Licht angezündet wurde, pflegte die gemüthreiche Frau ihre Kinder um sich zu sammeln und ihnen anregende Geschichtchen zu erzählen oder Gedichte, Lieder und Stellen aus größern Dichtungeil vorzutragen. Hierdurch bereitete die gute Frau nach den Mühen des Tages sich selbst eine angenehme Erholung und den Kindern eine unbeschreibliche Freude. Diese wurdeu durch solche unterhaltende Belehrung frühzeitig mit manchen Erzeugnisien der Poesie bekannt, und vor allen waren es Schiller und Grillparzer, welche bei diesen Abcndunterhaltungen den meisten Stoff boten. Den größten Eindruck machten dieselben auf den jüngsten der Knaben; in seinem Herzen tönte ein leises Nachempfunden des Empfangenen unaufhörlich fort. Frühzeitig konute man bei ihm dieses Nachempfunden wahrnehmen; denn schon als Schüler des kasseler Gymnasiums fühlte der Knabe den Drang, seinein innern Gefühlsleben Ausdruck zu geben und diesen Gefühlsausdruck in eine poetische Form zu kleiden. Air Rückert, der eiueu „Musenalmanach" herausgab, wendete sich der junge Poet und hoffte auf diese Weise in die literarische Welt einge-