Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-09-01 · Heft 6 (September 1865) · p. Seite 491

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 6 (September 1865)
Date
1865-09-01
Page
Seite 491 (sequence 67)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2417805-2417806-2417812--505-2418346
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Zur Tagesgeschichte. 491 Festtagslichte und die von den hebräischen Buchdruckereien erhobenen Steuern an. „Bisher versahen die Melamdim den gewöhnlichen Religionsunterricht, und in den von ihnen unterhaltenen Schulen (Eüeäarim, Sing. war das Hebräische die ausschließliche Unterrichtssprache, während die Jeschibot durch Auslegung des Talmud für die Heranbildung von Rabbinern sorgten. „Durch den am 13. Nov. 1844 vorgezeichten Plan wurden die jüdischen Schulen in drei Kategorien getheilt, die erste den Elementarschulen, die zweite den Kreisschulen entsprechend, während die dritte die den Gymnasien gleichstehenden Rabbinerschulen enthielt. Jedoch zeigte die Bevölkerung eine so offene Abneigung gegen diese Neuerungen, daß in Rücksicht auf die unverhältnißmäßigen Unterhaltskosten die Negierung sich genöthigt sah, zur Schließung eines Theils dieser Schulen zu schreiten. „Die Rabbinerschulen sind endlich nach beharrlichem Kampfe mit Fanatismus und Unwissenheit zu kräftigem Gedeihen erstarkt, und besonders zeigt sich seit der völligen Gleichstellung der Juden, welche die akademischen Grade eines Candidaten, Magisters und Doctors erworben haben (27. Nov. 1861), unter den Zöglingen der Rabbinerschulen ein neuer Aufschwung. „Dagegen ist die Zahl der zu Rabbinern entlassenen Zöglinge, welche, da die Wahl des Geistlichen von der Gemeinde abhüngt und diese unter einem der allgemeinen humanen Bildung feindlichen Einfluß steht, eine wenig gesicherte Zukunft erwarten, nur gering. Sie setzen sich, wenn sie nach Gewissen und Ueberzeugung und im Einklang mit den allgemeinen Interessen des Staats handeln wollen, einem leidenschaftlichen Kampfe mit der fanatischen Partei aus, dem sie bei energischer Begegnung zum Opfer werden. „Die jüdischen Kronschulen zweiter Kategorie, welche nur aus drei Klassen bestehen, haben, genau genommen, keine ausgesprochene Tendenz und sind wenig besucht, weil die wohlhabenden jüdischen Familien ihre Kinder in der Regel zu Hause unterrichten lassen. Auch die jüdischen Kronschulen erster Kategorie, und sie vielleicht am meisten, leiden an mangelhaftem Besuch. Hier tragen die noch nicht überwundene Abneigung gegen die Schulreform, die große Armuth oder der Jndisferentismus der Aeltern die Schuld. Besonders schroff tritt dies in Mohilew und Witebsk hervor, wo die Sekte der Chassidim die stärkste Abneigung Igegen alle nichtjüdische Bildung verbreitet. „Sucht man im allgemeinen die Gründe dieser Abneigung und ihre daraus sich entwickelnden Misverhältnisse, so finden wir sie in dem religiösen Fanatismus, in den die große Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung versunken war und von dem aus sie jede Reform als Lin Attentat auf ihren Glauben, einen Angriff auf das Heiligthum ihrer uralten Tradition ansah, einer Meinung, welcher die sie geheimnißvoll beherrschenden geistlichen Oberhäupter jeden Vorschub leisteten, indem sie die Schulreform als einen Deckmantel der Proselytenmacherei verdächtigten. Auch die Melamdim, aus Furcht für ihre Existenz, suchten Mistrauen gegen die Kronschulen zu erwecken. Alles dies sah man und hatte man vorausgesehen. Man suchte den Widerstand durch Vorrechte, die denen, welche den vollen Lehrcursus absolvirt hatten, durch Erlassung von zehn und fünfzehn Jahren des Militärdienstes, in gewissen Fällen sogar durch gänzliche Freisprechung, ertheilt wurden,zu brechen. Aber dennoch mangelte und mangelt die kräftige Entwickelung, auch gehemmt durch den Mangel an genügenden materiellen Mitteln, noch jetzt. Um die Frage noch einmal in die Hand zu nehmen und besonders auch ihre materielle Seite zu einer bessern Entwickelung zu bringen, ist seit dem Jahre 1857 ein besonderes Eomite niedergesetzt. „Im Jahre 1864 wurden zur größernVerbreitung der russischen Sprache unentgeltliche jüdische Volksschulen errichtet, und zwar acht in Wilna bis zum3. März 1864, deren Unterrichtsgegenstände 2esen und Schreiben in russischer Sprache und die Ansangsgründe der Arithmetik sind. (Anzahl der Schüler 1864: 732.) Jüdische Privatknabenschulen bestehen zu Riga, unterhalten aus der Korobkasteuer, zu Mitau und zwei zu Berditschew, während derartige für Mädchen, für deren Bildung bei den Juden in Rußland bisher so gut wie nichts geschehen war, in verschiedenen Orten errichtet wurden. In Kurland, wo noch keine Mädchenschule besteht, besuchen dieselben die jüdische Knabenschule in den Nachmittagsstunden. Die Handwerkerschule in Shitomir bezweckt die Verbreitung gewerblicher Kenntnisse unter den Hebräern, und ihr Schulcursus, der fünf Jahre dauert, zerfällt in einen wissenschaftlichen und praktischen Unterricht. Auch von den alten Schulen haben sich noch Ueberreste erhalten. Die Jeschibot werden von Privatpersonen oder aus Kosten von freiwilligen Beitrügen erhalten; ihre Bildung ist ausschließlich auf die religiösen Fächer coneentrirt. „Die Talmud-Toras als Wohlthätigkeitsanstalten für Verwaiste und Unbemittelte find in der traurigsten Verfassung und die von den Melamdim unterhaltenen Cheder, zum Theil heimlich und unerlaubt von nicht ge-! prüften und vom Staat concessionirten Melamdim geleitet, sind in ebenso wenig befriedigendem Zustande." Personalnachrichten. Nekrolog. Am 15. Sept. übernimmt Herr Iw. Adolf Jellinek die Predigerstelle des seligen Herrn Isaak Noah Mannheimer am Stadttempel zu Wien. 32*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.