Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 456 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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456 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Die andern werden Aerzte, Journalisten, Um irgendwie das Leben sich zu fristen; Und ich? Will mich nicht Plagen mit Studiren, Um einst die Kranken zu curiren. Zur Schacherei Hab' ich nicht Sinn genung, Zum Dichter nicht den Seelenschwung; Drum will ich sehen, wie ich's mache. Daß ich. mich anders durch das Leben lache; Nun zechen wir und lassen leben. Was uns nur immer Lust mag geben. ' Ein Student. Des reichen Nachman holde Selma hoch. Der Duft, zu dem noch keine Nase roch! Ein Anderer. Ja wol, das schöne, kluge Kind soll leben! Und der, wer diesen Doppelschatz wird heben. Heli. Seht, Zodik schmunzelt selig, Und roth und röther wird er mählich; Was gilt's, er denkt, sie wird die Seine, Der Fromme mit dem Rothhaarglorienscheine! Nun wohl, warum denn nicht? Er ist ja gar ein frummer Wicht. Ein Student. Wenn wir uns sämmtlich dreißig Jahre Plagen, So schwitzen wir den Doctor nicht zusammen, Der ihres Vaters Geize könnt' behagen. Für den ihr Stolz sich kehrt' in Liebeflammen. Heli. Hört auf mit euern bösen Zungen, Die Flamm' ist sie des besten von uns Jungen; Für euch sind and're noch zu haben, Zwar arm an Geld, doch reich und Feuer, Die sind euch eine Waare, gar nicht theuer, Und freuen sich, ein durstig Herz zu laben. Ein Student (lacht). Die Lieb' ist Waar', und wol das Herz die Börse? Ein Reim noch, gäb's die feinsten Liebesverse. Einer mit leerem Glase. Ach helft, ach helft, ich kann nicht weiter zechen, Vor Leere will mein Sack zusammenbrechen. Eines Reichen Sohn. Da hast du Geld und richt' ihn auf, Ich nehme mein' und deiken Durst in Kauf. Versuchen wir's, nun Heli zu bewegen, Mit uns auf Medicin sich zu verlegen. Heli. Treibt mich der Schlendrian, ein Brot zu wählen? Soll früher mich und später Kranke quälen? Und wollt ihr's wissen? Hab' heute erst zum Fenster 'nausgeschmissen Das Beingerippe, dran ich sollt' studiren Und für Anatomie mich präpariren. Das war ein Jubel für die Straßenjungen! Die sind damit herümgesprungen. Sie schleppten es in alle Gassen, Und haben es zerstreut dann liegen lassen. Mir kommt nur nicht mit Planen wieder, Seid lieber lustig, liebe Brüder, Und stimmet ein in frohe Lieder^ Zu euerm Rausche Paßt kein Spintisiren, Ein treffend Lied, das wird euch besser zieren. (Singt: ,,Ein freies Leben führen wir, Ist's auch nicht wahr, nicht schadet's mir noch dir.") II. Der Schofar. Die stille Nacht liegt auf der Erde Und bringt in Ruh' mit gleicher Milde Der Menschen jegliche Beschwerde, Und fragt nicht nach der Gottesgilde. Am Himmeldom die Sterne blinken Und lächeln auf die Menschen nieder, Die schlafen, und die Sterne Winken Vergebens, daß sie alle Brüder. Und aus der Schänke treten drängend Die nächt'gen Zecher in das Dunkel, Gesang und Klage bunt vermengend, Wie düstre Nacht und Sterngefunkel. Dort steht die graue Burgruine, Die alke Feste, die zerstörte. Es ist, als ob mit Trauermiene Der Schüler letzten Gruß sie hörte. „Seht, ob der Feste morschem Thurme Glänzt es wie Gold und Purpurmorgen; Es wurde sonst vor Feindessturme Die Krone Ungarns hier geborgen."*) Man sagt, die Glorie jener Tage Umschwebt den Thurm, in'nächt'gein Grauen, Und was gelehrt die gläub'ge Sage, Hilft nun der Rausch den Schülern schauen. So steh'n die lustigen Studenten, Und küssen sich mit Vruderküssen, In ihren letzten Lustmomenten Grüßen sie sich mit Scheidegrüßen. Nur Baruch träumt von Völkereinheit, Der junge, ghettomüde Jude, Und Zodik sinnt auf Glaubensreinheit Für's gläub'ge Volk der Schacherbude. Und Heli hielt geheim vor allen In seinem Kleide die Posaune, Die am Jomkipur muß erschallen. Und stößt nun drein mit toller Laune. Es dringt der Frohsinn aus dem Horne, Verwandelt in das Graun der Grüfte; Als spräche Gott in seinem Zorne, So rast der Ton durch stille Lüfte; *) Nach einer Sage sieht man zuweilen einen der vier Thürme der presburger Schloßruine, in welcher einst die ungarische Krone aufbewahrt wurde, von einem Lichtschein umflossen. Anmerk, des Vers.