Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 442 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2417805-2417806-2417812--456-2418297- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
442 Jllustr. MonaLsh. für die ges. mat für Beurtheilung erfahren würde. Doch nicht um dies allgemeine Urtheil schien es sich ihm zu handeln, sondern nur um das seiner Aeltern, und der Sohn schien in ihm damals schon stärker zu sein als der orthodoxe Jude. Er wartete daher die Einwilligung seiner Aeltern ab, ehe er in das gräfliche Haus eintrat. Dies war 1843. Hier haben wir gleich einen Anhaltspunkt, so unscheinbar er ist, für die Deutung der Heerstraße. In seinem Innern lebte das Ghetto, doch betrachtete er es schon mit den Augen des Künstlers, der sich seinem Object gegenüber als ein „ Selbst " fühlen muß. In seinem Gedankenleben ist er darum nichtsdestoweniger auf der geraden Heerstraße gesunder Fortentwickelung fortgeschritten. In jenem gräflichen Hause (in Hossureth im Gömörer Comitat), wo er der einzige Jude war (aber, wie schon gesagt, so Stockjude konnle er da doch nicht mehr sein), hier nun war es gerade, wo die Erinnerung an die „Gasse", in der er die Kinderzeit verlebt, mächtig in ihm auftauchte, und wie es bei jedem Künstlergemüth der Fall ist, so war es auch hier: er mußte sich dieser Erinnerungen und Bilder durch künstlerische Production entledigen. So schrieb er, wenn er französisch conversirte, deutsch oder lateinisch unterrichtete, die Geschichten aus seiner Gasse in jenem Jargon, den wir kennen, und den Kompert selbst zu idealisiren versucht hat. Im Jahre 1846 sollte Kompert sein geliebtes Wien, aber unter ganz andern Verhältnissen Wiedersehen. Er begab sich nämlich mit der gräflichen Familie dahin, um da den Winter zuzubringen. Damals veröffentlichte er in den „Sonntagsblättern" eine jüdische Skizze: „Die Schnorrer" und andere ähnliche Schilderungen, Märchen und Charakterstudien. Als er von Wien wieder abreiste, forderte ihn Frankl, welcher eine besondere Gabe besitzt, Talente zu ermuntern, auf, ein ganzes Buch solcher Genrebilder zu schreiben. Frankl's Ermunterung fiel auf keinen fruchtlosen Boden. Ohnedies hatte Kompert Auerbach und Jeremias Gotthelf, diese zwei ausgezeichneten Kleinmaler und Sittenschilderer, kennen gelernt Interessen des Judenthums. und die innige Verwandtschaft seines Geistes mit diesen beiden herausgefühlt. Er ging bald ans Werk. Es entstand das „Alt Babele", und nach wenigen Monaten ein ganzer Band ähnlicher Darstellungen, die wir bereits kennen; es ist das Buch: „Aus dem Ghetto". Dies war im Jahre 1847. In dieser Zeit verlor Kompert seine Mutter. Man kann leicht erwägen, wie tief dieser Verlust in die Seele des Sohnes eingeschnitten. Er wurde von einer sonderbaren Unruhe erfüllt, es litt ihn nicht länger in dem behaglichen Aufenthalt; er kehrte nach Wien zurück, um die verlassenen Studien wieder aufzunehmen. Er wollte Medicin studiren; aber das rauschende Jahr 1848 stellte sich der Ausführung dieses Vorhabens entgegen. Durch seine „Geschichten aus dem Ghetto" erweiterte sich der Kreis seiner Bekannten, und so kam er durch immer neu eingegangene literarische Verbindung dahin, die Redaction des Feuilleton im „Oesterreichischen Lloyd" zu übernehmen; denn auch sein Vater war mittlerweile gestorben, und Kompert hatte nun auch für zwei unverheirathete Schwestern zu sorgen. Als Redacteur des Feuilleton gehörte die literarische und Theaterkritik zu seinen Hauptbeschäftigungen. Da Warrens, der politische Leiter des Blattes, als Ausländer dasselbe nicht nach Außen hin als Redacteur vertreten konnte, wurde Kompert endlich die ganze Leitung übertragen. Man würde aber sehr irren, wenn man den ruhigen, stillen, sogar zu conservativen Tendenzen ein wenig hinneigenden Erzähler der Ghettogeschichten für die politischen Unduldsamkeiten verantwortlich machen wollte, die in dem genannten Blatt ihren Ausdruck fanden; denn, wie gesagt, war Kompert blos nominell, nicht aber in Wahrheit der politische Leiter des Blattes. Doch mögen Stimmen, die ihm Vorwürfe machten, genug an sein Ohr gekommen sein, und dies mag ihn 1852 bewogen haben, von der Redaction gänzlich zurückzutreten. Er trat hierauf wieder als Erzieher in ein sehr vornehmes Haus, nämlich in das des preußischen Generalconsuls