Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 426 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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426 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. und zeigten den erstaunten Bewohnern, wie wenig sie selbst ihre Behausung zu würdigen verstanden hatten. Ein neues geistiges Leben, durchhaucht vom Geiste der Zeit und gehoben durch Theilnahme an der nationalen Culturentwickelung, begann jetzt seinen segnenden Einfluß auf das Judenthum zu üben. Begeisterte Jünger für diese „innere Mission" im edlern Sinne erhoben sich, Geister voll Energie und Einsicht, welche erkannten, daß es für den Juden nur eine wahre Reform geben könne, nämlich seine erliste Bethciligung an den freien wissenschaftlichen, -künstlerischen und socialen Bewegungen seiner Zeit. Geiger als Gelehrter wählte den ihm zukommenden Weg der Wissenschaft für das Leben und begann dem Ziel mit einem Eifer nachzustreben, der, durch Gründlichkeit gestählt und durch Takt gezügelt, den christlichen wie den jüdischen Kreisen Achtung einflößte. „Erkenne dich selbst!" ist ein Wahlspruch, der in Bezug auf das Judenthum, seine Geschichtsforschung und seine Reformbestrebungen kaum von irgendjemand mehr beachtet worden ist als von Geiger. Ihm dankt die jüdische Wissenschaft, weil er sie aus der Gelehrtenstube «uf den Markt des Lebens geführt, zum nicht geringen Theil die Kenntniß dessen, was sie bereits geleistet hat, und was sie noch zu leisten im Stande ist, eine Kenntniß, ohne welche die Wiedereinführung der jüdischen Forschung in die religiöse Gesammtentwickelung der Menschheit vielleicht noch längere Zeit als halb unbewußter Plan fortgedümmert hätte. Geiger war einer von den Gelehrten, welche diese Idee klar erkannten und zugleich praktisch verwirklichten. Nur wenige hatten es bis dahin verstanden, aus dem jahrhundertelang aufgespeicherten Schatz des jüdischen Schriftthums ein System zu bilden mit Sachkenntniß und einer nationalen Begeisterung dem Judenthum in zeitgemäßer Weise seine größten literarischen Kleinode zum Anschauen zu bringen. Das Judenthum, das so viele Culturepochen durchgemacht, so viele veranlaßt oder vermittelt, so große geistige Reichthümer sich errungen hatte, besaß nicht das Geheimniß, sein Besitzthum wahrhaft zu genießen. Ja, es kannte nicht einmal den Umfang desselben. Es fehlte ihm, mit gedrängten Worten, der historische Sinn, ohne welchen jede noch so fruchtbare Literatur doch nur verkümmert. Geiger ist am 24. Mai 1810 zu Frankfurt a. M. geboren. Er wurde uach rabbinischer Weise unterrichtet, bezog aber später die Universitäten Heidelberg nnd Bonn. Von hier datirt sein wissenschaftlicher Name und seine Carriere als Rabbiner. Denn kurz nachdem ihn: das Rabbinat zu Wiesbaden übertragen worden war, erschien seine von der königl. preuß: Rhein-Universität gekrönte und schon als Student gearbeitete Preisschrift: „Was hat Mohammed aus dem Judenthum ausgenommen?" (Bonn 1833), worin er sich nicht nur, was das Arabische betrifft, als ein begabter Schüler Freytag's, sondern auch hinsichtlich des Jüdisch-theologischen als wohlbewandert bekundete. Noch heute ist diese Studie von Werth, was hinsichtlich der frühzeitigen geistigen Reife ihres Verfassers bemerkenswerth ist. Bald machte sich Geiger durch die erste Begründung eines jüdischen wissenschaftlichen Organs bekannt, indem er 1835 eine „WissenschaftlicheZeitschrift für jüdische Theologie" herausgab, ein Unternehmen, welches sich die Umgestaltung der jüdischen Theologie nach den Principien der freien Kritik zur Aufgabe gemacht hatte. Dies periodische Werk, dessen unermüdlichster Mitarbeiter er selbst war, wurde durch eine Reihe von Jahren fortgeführt und hat eine begeisterte Schar von nach Reform strebenden Rabbinern hervorgerufen. Mittlerweile war auch in Geiger's persönlicher Stellung insofern ein Wechsel eingetreten, als er 1839 sein Rabbinat in Wiesbaden niederlegte und als Privatmann nach Berlin ging, von wo er bereits 1840 nach Breslau, der Hauptstätte seines nachmaligen Wirkens, berufen wurde. In den letzten Jahren hatte sich Geiger besonders als Redner in Wiesbaden und Breslau hervorgethan und sich als achtungswerther Forscher und