Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1865)
- Date
- 1865-06-01
- Page
- Seite 216 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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216 JllusLr. Monatsh. für die qef. Interessen des Judenthunrs. than zu haben, so daß Loewe mit Neckt sagen konnte: „Wo Krankheit und Mangel sich zeigten, dahin lenkten sie beide ihre Schritte, und der Leidende, wer cs auch sein mochte, erfreute sich ihrer Güte." Ein Schrei der tiefsten Entrüstung durchdrang mit einemmal alle Kreise der civilisirteu Welt, als die Blutthat von Damaskus bekannt wurde. Dieselbe ist noch in frischem Andenken. Wie man weiß, war an: 5. Februar l 840 ein Mönch, Pater Thomas, welcher seit mehr als dreißig Jahren in Damask Heilkunde ausübte, nebst seinem Diener verschwunden. Auf erfolgte Anzeige unternahm der französische Eonsul Gras Ratti-Menton, dem die dortigen christlichen Angelegenheiten oblagen, die Untersuchung. Wie abweichend von den Principien der Menschlichkeit diese Untersuchung ausfiel, ja, welche Grausamkeiten auf Antrieb und unter Billigung des Consuls von den fanatischen, geld- und blutgierigen Türken begangen wurden, um die Mörder zu ermitteln, dies näher zu schildern, sei hier erspart. Genug, daß die Verdächtigten, meist ältere Mitglieder der dortigen Judengemeinde, in grausamster Weise gemartert und getödtet wurden, daß man andere zur Annahme des Islam nöthigte, daß man gegen hundert Kinder fortschleppte, Synagogen plünderte und schändete, kurz alle Scenen zügellosester Volkswuth angesichts der fremden Consnln beging, bis endlich das österreichische Consulat am 18. April einen Befehl Mehemed-Ali's zum Aufhören mit der Tortur erwirkte. Inzwischen war die Kunde von diesen Barbareien durch öffentliche Blätter verbreitet worden. Die Berichte waren herzzerreißend. Die gesammte europäische Presse beschäftigte sich mit dieser Frage. ES handelte sich nicht mehr um die wenigen Verdächtigten, sondern um das Gesammtjudenthum, das unter diesen fortwährenden Blutbcschuldigungen litt. In Frankreich nahm sich besonders der geistreiche und freisinnige Advocat Adolph Cremieux der Sache an, wurde jedoch von der französischen Regierung darin wenig unterstützt und mußte sogar sehen, daß ein Thiers jenen Scenen beizupflichten schien. In England war es Montefiöre, der diese Angelegenheit sofort in die Hand nahm und nebst Cremieux, der nach London gekommen war, am 15. Juni in der Vorhalle der neuen Synagoge Great-St.-Hellen's eine Versammlung veranstaltete. Es wurde beschlossen, daß beide Männer nach dem Oriente reisen sollten, um die Glgubensbrüder zu unterstützen. Zahlreiche Geldspenden gingen ein. Die zweite Versammlung, die am 23. Juni in der Synagoge Duke's-Place stattfand, sprach sich noch lebhafter für jene philantropische Expedition aus. Endlich erhob sich Montefiore und sagte unter anderm: „Wir geheil, um die Forderungen der Menschheit zu vertheidigen, die gekränkt ist; wir gehen, das dunkle Getriebe satanischer Machinationen aufzuhellen; wir gehen, unsre Brüder im Osten voll dem Schandflecke zu reinigeil, den Intoleranz und Fanatismus auf unsere Nation zu werfen versuchten. Noch mehr, wir wollen versuchen, den östlichen Regierungen aufgeklärtere Grundsätze der Gesetzgebung und Gerichtspflege einzuflößen, sie zu vermögen, die Tortur abzuschaffen und daS ewige Recht hoch über parteiische Geivalt zu setzen. Ich bete zu dem Gotte unserer Väter, daß er unsere Schritte leite!" Auch die christliche Bevölkerung Londons hielt am 3. Juli in Mansion- House eine Versammlung ab. Nachdem die Königin die Reisedeputirten ül Abschiedsaudienz empfangen, reisten am Morgen des 7. Juli Montefiore nebst Gemahlin, vr. Loewe, der Rechtsgelehrte Wire und der Arzt Or. Madden zunächst nach Paris, wo sich Cremieux, der berühmte Orientalist S. Munk und eiil französischer Arzt anschlossen. Am 21. Juli verließen sie Marseille. In Livorno, wo sie lande-' ten, empfing sie unbeschreiblicher Enthusiasmus, während die meisten Synagogen Europä's und Amerika's Gebete für die Reisenden emporsendeteu. Am 4. August kamen sie in Alexandrien an. Noch an demselben Tage überreichte Montefiore dem Consul Hodges ein Schreiben Palmerston's; viele Eonsuln boten ihre bereitwillige Hülfe an.