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Palästina · 1912-01-01 · Heft 5 · p. Seite 144

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
9 (1912)
Issue
Heft 5
Article
Gründer
Date
1912-01-01
Page
Seite 144 (sequence 2)
Language
German
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„Guten Morgen!" überraschte mich da eine leise, angenehme Stimme — es war ein Jüngling in der Kleidung eines Jeschiwahzöglings. „Der Herr möge mich entschuldigen, daß ich wegen des vielen Schnees nicht an jenem Tage kommen konnte, den mir der Herr durch meinen Freund Feitel mitteilen ließ. Jetzt war ich in ihrem Hause, da hat man mir durch das Fenster die Richtung Ihres Spazierganges gezeigt. Ich hoffe Ihnen doch nicht lästig zu sein, wenn ich Ihnen meine Angelegenheit vorlege." Diesen hitzigen Jüngling hatte ich einigemale schon gesehen, wir hatten auch manchmal einige Worte miteinander gewechselt, und immer fesselten mich seine dunklen, schmachtenden Augen, die einen tiefen Schmerz auszudrücken schienen, und ein gewisser Adel in seinen Gesichtszügen. Daher sagte ich ihm: „Macht nichts, Chacham*) Secharjah, im Gegenteil: ich freue mich über den Zufall, mit Euch an einem Mußetag zusammenzutreffen, noch dazu an einer so herrlichen Aussichtsstelle wie hier, wo Sonne und Licht mit Kälte und Eis kämpfen. Setzt Euch nur neben mich oder auf einen Stein, der schon trocken ist, und laßt mich Eure Sache hören!" „Nur eine Bitte! Ihr sollt mich nicht „Chacham" nennen . ." „Wie denn?" „Ganz ohne Titel. Ich bin noch fast Knabe und nicht einmal des Titels „Talmid Chacham" **) würdig", antwortete er mit aufrichtiger Bescheidenheit. „Gut, wie Ihr meint, Secharjah!" Der Jüngling setzte sich hastig nieder, als ob er Furcht hätte, der Stein könnte unter ihm zerbrechen, hob dann den Kopf, strengte sich an, sah nach allen Seiten, blickte einen Augenblick auf die weißen Wolken, die über die Berge im Westen hingen, riß ein Alpenveilchen aus einer Spalte los, das noch vom Schnee ganz feucht war, und roch daran. Dann sprach er zu mir: „Schön ist unser Land, selbst Frost und Eis verleihen ihm nur neue Schönheiten und sind ihm wie ein Schmuck. Alles ist hier wie geschaffen, um den Geist zu erheben und zu erhöhen, aber trotzdem ist es auch hier nicht leicht, das Ziel zu finden. Sieh* alles schreitet vor, die Welt schreitet vor, das Wissen wächst, man fliegt sogar schon durch die Luft, und sogar wir, das verfolgte und unglückliche Volk, erreichten es, im Laufe der letzten dreißig Jahre, wenn auch nur in schwacher Weise, im Lande unserer Väter Fuß zu fassen — was nützt aber dies alles, wenn wir auch soweit gelangt sind. Schließlich geht doch alles in der Welt seinen Gang, „der Gewalttätige übt Gewalt" in der ganzen Welt und auch bei uns, es strömen die Tränen des Bedrängten wie die Wasser des Euphrat, der Böse umzingelt den Gerechten, das Recht wird verdreht und das Unrecht besteht in alle Ewigkeit. — Der Herr wird mich gewiß entschuldigen, daß ich ein wenig zu ausführlich bin, denn . . ." „Es bedarf keiner Entschuldigung, Secharjah, ich bin bereit, Euch, wäre es selbst bis Mittag, anzuhören, zumal an einem so schönen Ori, *) Titel eines Rabbiners oder Gelehrten. '*) Ein etwas geringerer Titel. 144

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