Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 9 (1912)
- Issue
- Heft 3-4
- Article
- Die wirtschaftliche Haltung des Milchviehs
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 2)
- Language
- German
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Jedoch sind die Gesundheitsverhältnisse Ihres Rindviehbestandes insbesondere in der letzteren Zeit immer ungünstiger geworden. Schweres Kalben, Milchfieber, seuchenhaftes Verkalben, Lungenentzündung und Rinderpest sind die Krankheiten, unter denen Ihr Viehbestand zu leiden hat. Diese Krankheiten sind mit Ausnahme der Rinderpest auf die minderwertige Konstitution des Viehs zurückzuführen, das durch die ständige Stallfütterung verweichlicht ist. Man hat in Deutschland ähnliche Erfahrungen gemacht. Es galt dort früher als das höchste Ideal, das Vieh immer im Stalle zu halten, damit man viel Dünger und Milch bekommt. Dieses System hat sich aber alsbald als falsch und gefährlich erwiesen. Es kamen recht häufig verschiedene Krankheiten vor, von denen die Lungentuberkulose die schlimmste und verbreitetste ist. Man mußte dieses System aufgeben und das Vieh möglichst wieder der freien Natur zuführen, um durch Kräftigung der Konstitution den Krankheiten nach Möglichkeit zu begegnen. Die Rinderpest ist in den letzten Jahren häufger aufgetreten, und es ist sehr erfreulich, daß die türkische Regierung zur Bekämpfung dieser Krankheit immer frisches Serum zur Verfügung stellt. Der Hauptschade Ihres Viehes besteht jedoch in der Schwächung der Konstitution. Die Rasse, die Sie hier halten, meistens die Libanonrasse, ist von Natur ständig auf den Bergen. Auch die Damascener Rasse lebt größtenteils auf den Weiden. Jetzt kommen die Tiere, die unter Gottes freier Natur den größten Teil ihres Lebens verbracht haben, auf einmal in die Ställe; sie werden wenig an die frische Luft geführt und mit Kraftfuttermitteln gefüttert. Sie bekommen auch ein größeres Milchquantum, aber die Nachzucht ist geschwächt und in der Konstitution verkommen. Sie ist den Krankheiten gegenüber nicht widerstandsfähig. Diesem Uebelstande können Sie nur dadurch abhelfen, daß Sie die Tiere wieder der freien Natur zuführen. Dazu brauchen Sie aber viel freies Land, das den einzelnen nicht zur Verfügung steht. Der einzelne könnte nur im Anschluß an die Hoflage einen Laufhof anlegen. Ich schlage Ihnen vor, daß Sie auf Ihrem Lande im Audjegebiet eine gemeinsame Weide anlegen. Das ist zwar eine schwierige Sache, aber ich bin überzeugt, daß sich ein Ausweg finden wird. Wo ein Wille ist, dort lassen sich auch Mittel zur Ausführung finden. Bedenken Sie einmal die große Bedeutung der Milchwirtschaft für Sie. Ueber den Wein ist schon einmal eine Krisis ausgebrochen. Im Orangenbau kann auch einmal eine Ueberproduktion eintreten, niemals wird dies aber auf lange Zeit hinaus bei der Milchproduktion zu befürchten sein. Ich möchte Sie also bitten, meinen Vorsch'ag nicht ohne weiteres abzulehnen. Zur Anlage einer gemeinschaftlichen Weide im Audjegebiet können Sie sich zu einer Weidegenossenschaft zusammenschließen, um dort eine Weide für Jungvieh und Zuchtvieh zu schaffen. Das Vieh kann vom Frühsommer bis Spätherbst oder sogar das ganze Jahr unter freiem Himmel sein, wodurch seine Widerstandsfähigkeit gestärkt wird. Ich kann Ihnen von Europa Statuten einer solchen Weidegenossenschaft übersenden, oder Sie können sich solche Statuten nach Ihrem Bedane selbst zuschneiden. 84