Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 7 (1910)
- Issue
- Heft 6-7
- Article
- Reisebeobachtungen und Informationen über Palästina
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 140 (sequence 2)
- Language
- German
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der Geschichte der Menschheit war, man spürt es instinktiv, daß dieses Land trotz seiner armseligen Gegenwart berufen ist, auch in der Zukunft eine historische Bedeutung zu gewinnen. Je nach den geistigen und Gefühlsvoraussetzungen, mit denen man ins Land kommt, erfaßt man nun die Dinge und Verhältnisse entweder sub specie der großen historischen Vergangenheit oder man mißt sie an der großen zukünftigen Rolle, welche man dem Lande zugedacht hat. Man verliert da leicht das richtige Maß für die kleinen konkreten Tatsachen, welche in ihrer Gesamtheit die Wirklichkeit des alltäglichen Lebens ausmachen, denn in die Geschichte gehört nur das Großzügige, das Ueberragende. Daher die merkwürdige Erscheinung, daß über die palästinensische Wirklichkeit die widerspruchvollsten Urteile umlaufen, daß ebenso häufig Ueberwie Unterschätzungen des Vorhandenen stattfinden. Ich habe mich bemüht, ohne daß der Geschichtseindruck vergangener Jahrhunderte hierauf einen Einfluß ausüben konnte, mit menschlichen Alltagsaugen alltägliche, menschliche Dinge zu sehen und abzuschätzen, wenn ich auch zugebe, daß ich sub specie der Zukunft geschaut habe. Dies bezieht sich zunächst auf die neuen jüdischen landwirtschaftlichen Ansiedlungen mit denen die Darstellung beginnen möge. Die Kolonien I. Der äußere Eindruck, welchen die Kolonien auf den Besucher machen, ist ein sehr gefälliger. Ueberall solid aus Stein gebaute Häuser, aus drei bis vier Wohnräumlichkeiten, einer Küche, und sehr häufig einer Veranda oder einer Terrasse bestehend, die Dächer mit Marseiller roten Dachziegeln gedeckt, welche schon von Ferne ein Erkennungszeichen der Ansiedlung bilden. An die Wohnhäuser schließen sich gewöhnlich von rückwärts ebenfalls solid gebaute Wirtschaftsgebäude an. In den meisten Kolonien — mit Ausnahme der kleinsten — gibt es Wasserleitungen, welche die Anlage und Bewässerung eines Gemüsegärtchens vor dem Hause, häufig auch hinter den Wirtschaftsgebäuden gestatten. Viele Häuser haben vorne zur Koloniestraße hin Baumschmuck, gewöhnlich Eukalyptusoeer Maulbeerbäume, einige, allerdings erst seit jüngerer Zeit, auch Blumenschmuck. Als lebende Zäune findet man oft Mimosen, welche zur Blütezeit einen sehr angenehmen Duft verbreiten, sonst werden als lebende Zäune wie im ganzen Lande Kaktuspflanzungen benutzt. Manche Kolonien besitzen noch von der Zeit der verschwenderischen Wirtschaft der Administratoren des Baron Edmund Rothschild her direkt luxuriöse Einrichtungen, welche nicht in den Rahmen eines Dorfes hineinpassen, so speziell die beiden Lieblingskolonien des Barons Rischon 1c Zion und Sichron Jakob. So besitzt Sichron Jakob zum Beispiel einen Ziergarten mit den seltensten und prächtigsten Bäumen und Blumen, welcher heute allerdings aus Mangel an Mitteln zu seiner Erhaltung etwas vernachlässigt ist, Straßenlaternen, ein Bet-Haam — das gewesene Administrationsgebäude — mit einem großen Festsaal, eine schöne Synagoge, ein geräumiges Spital mit einem Spitalsgarten, Badeeinrichtungen in manchen Kolonistenhäusern, eine Badeanstalt in der Nachbarortschaft 140