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Palästina · 1938-02-01 · Heft 2 (Februar 1938) · p. Seite 71

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Journal
Palästina
Volume
21 (1938)
Issue
Heft 2 (Februar 1938)
Article
Eine Hauptstadt für den Judenstaat
Date
1938-02-01
Page
Seite 71 (sequence 1)
Language
German
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Eine Hauptstadt für den Judenstaat. Ein „imaginäres" Projekt. Von Ing. Markus Reiner, Jerusalem. 1. Zuerst muß ich eine Vorbemerkung zur Vermeidung etwaiger Mißverständnisse machen: Die Teilung Palästinas, die Stellung des jüdischen Volkes zum Vorschlag eines Judenstaates etc., dies sind hochpolitisehe Fragen, zu denen ich mich hier nicht äußern will. Man betrachte das, was folgt, vielmehr wie eine» Schachaufgabe. Bei der Schachaufgabe wird eine gewisse Spiels ituation vorausgesetzt. Ebenso will ich bei diesem politischen Schachspiel eine gewisse Situation voraussetzen und stelle dann folgendes Problem: Angenommen, es gäbe einen Judenstaat von etwa den Grenzen, wie von der königlichen Kommission vorgeschlagen. Gefragt ist: Wo und wie isi die Hauptstadt dieses Judenstaates, zu planen? Um es nochmals ganz klar zu machen: damit will ich nichts darüber gesagt haben, ob ich so einen Judenstaat für wünschenswert halte oder nicht. Was mich interessiert, und ich hoffe natürlich auch, daß es die Leser interessieren wird, ist lediglich das planungs - technische Problem. Und zwar interessiert es mich vor allem deshalb, weil ich gesprächsweise, und sogar von Ingenieuren und Architekten, Aeußerungen vernommen habe, die darauf hinweisen, daß viele in ganz falschen Vorstellungen von der rationellen Lösung eines solchen Problems befangen sind. 2. Man hört z. B. die Aeußerung: „Die Hauptstadt wäre natürlich Tel-Aviv oder vielleicht Haifa?". Es ist daher nützlich, bevor wir an die positive Lösung des Problems herantreten, negativ vorzugehen und dieses (falsche) Vorurteil gleich zu zerstören. Die so sprechen, nehmen an, daß natürlicherweise die größte Stadt eines Landes auch seine Hauptstadt ist. Sie verwechseln aber das Ergebnis einer bestimmten historischen Entwicklung mit dem Resultat einer rationellen Planung. Vor allem ist es klar, daß sie die amerikanischen Verhältnisse nicht kennen. Sie halten vielleicht New York für die Hauptstadt des Staates New York, Philadelphia für die Hauptstadt des Staates Pennsylvania etc. Sie werden erstaunt sein zu hören, daß nicht die Riesenstadt New York die Hauptstadt des Staates New York ist, sondern das kleine Städtchen Albany; ebenso das kleine Städtchen Harrisburg die Hauptstadt von Pennsylvania etc., Namen, die sie wahrscheinlich nie vorher gehört haben — so wie ich sie nie gehört hatte, bevoif ich in Amerika gewesen war. Wir wollen uns jetzt mit den Gründen dieser Eigentümlichkeit nicht beschäftigen, da wir darüber noch zu reden haben werden. Bleiben wir bei den europäischen Hauptstädten, so stimmt es allerdings, daß diese beinahe ausschließlich die größten Städte ihrer Länder sind. Aber warum? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns vor Augen halten, was sio eigentlich zu Hauptstädten macht und da finden wir, daß sie als solche zwei Funktionen zu erfüllen haben. Sie sind Zentren der Verwaltung, sie sind aber auch „Höfe**. Dort, wo -es keine Kaiser oder Könige mehr gibt, waren sie einmal Höfe und haben zum Teil auch unter Präsidenten und Diktatoren höfischen Charakter behalten. Spricht man also von einer Hauptstadt, so muß man sich klar darüber sein, was man eigentlich meint: das administrative Zentrum oder den repräsentativen Hof. Und insbesondere darf man nicht von dem einen sprechen und das andere vor Augen haben.

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