Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 5 (1908)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ein jüdisches Lehrerseminar
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2379786-2379804-2379809-2413624--01637-2413711- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
muss alle pädagogische Kunst zusammennehmen, um seiner Aufgabe gerecht werden zu können. Und mit den Schwierigkeiten steigern sich seine Kräfte. So wird selbst jeder flüchtige Besucher Palästinas sich überzeugen, dass im grossen und ganzen der Lehrer dort viel höher steht als sein europäischer Kollege. Endlich ist seine soziale Stellung viel höher und geehrter, seine soziale Wirksamkeit viel breiter und tiefgehender. Das Leben predigt ihm mit erschütterndem Ernst Einfachheit und Anspruchslosigkeit mehr als sokratische Lehrmeister es vermöchten, und es gehört schon eine Portion Grausamkeit dazu, vor dem allgemeinen Elend Auge und Hand zu verschliessen und nicht das Bedürfnis zu verspüren, mitzuhelfen und mitzuarbeiten an der Hebung und Unterstützung der Mitmenschen. Kurz, das Land erzieht sich grosse Naturen,*) es vertieft die Seele, erweitert den Gesichtskreis und hebt alle Kräfte und Anlagen, wenn man sich nur diesem Einfluss nicht systematisch entzieht. Ich kann den Nachweis an allen meinen ehemaligen Kollegen führen, dass Erez Israel an ihnen seine Kraft bewiesen hat. Um nur wenige Beispiele herauszugreifen: da ist der Geschichtslehrer Herr Press, ein geborener Jerusalem er. Er hatte das hannoversche Lehrerseminar absolviert und kam dann als JLehrer an die Lämelschule. Aber in den 13 Jahren seiner dortigen Wirksamkeit warf er sich mit eisernem Fleiss auf das Studium von Geschichte und Geographie und hat es in beidem zu erstaunlichen Kenntnissen gebracht. Herr Wurst wandte sich, seitdem er die Lehrerbildungsanstalt verlassen hat, der Beschäftigung mit der palästinischen Flora und Fauna zu und hat sich zu einem achtenswerten Spezialisten für dieses Gebiet herausgebildet. Herr Sutta, ein geborener Russe, wählte jüdische Geschichte und Bibelexegese zu seineim Sonderstudium und brachte es zu selbständiger wissenschaftlicher Beherrschung beider Disziplinen. Das grossartigste Beispiel aber bieten die Herren Je111 in und Mejuchas, beide Kinder der heiligen Stadt, Schüler dortiger Jeschiboth. Durch Verwandtschaft und Freundschaft verbunden, widmeten sie sich in gemeinsamen Studien der arabischen Sprache und brachten es zu solch souveräner Meisterschaft, dass sie selbst in den Kreisen der mohammedanischen Bevölkerung mit als die ersten Kenner der arabischen Sprache und Literatur gelten. Und doch ist damit das eigentlich Bedeutendste ihres Könnens noch nicht genannt. Sie sind nämlich Hebraisten ersten Ranges. *) Wobei nicht geleugnet werden kann, dass es auch spezifische Untugenden begünstigt, durch die schon mancher gestrauchelt ist. 66