Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 20 (1937)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1937)
- Article
- Die soziale und pädagogische Lage der orientalisch-jüdischen Jugend in Jerusalem
- Date
- 1937-10-01
- Page
- Seite 496 (sequence 1)
- Language
- German
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Die soziale und pädagogische Lage der orientalisch-jüdischen Jugend in Jerusalem Von Dr. Carl Frankenstein» Jerusalem. II. Reformvorschläge. Wir müssen uns die Frage vorlegen, welche therapeutischen Aufgaben zu erfüllen sind, damit die primitiven Elemente der Bevölkerung in das soziale Leben des jüdischen Palästina eingeordnet und von der Verwahrlosung, der sie ausgesetzt sind, gerettet werden können- Es braucht nicht betont zu werden, daß diese soziale Therapie nicht nur die einheitliche pädagogische Gestaltung der Jugend durch Schule und Berufsvorbereitung zum Inhalt und Ziel haben darf, sondern auch die Familie als wirtschaftlich-seelische Einheit »behandeln« muß. Selbst der Sozialarbeiter, der seine Aktivität lediglich auf die Jugend zu richten geneigt ist, weil ihm die Gesundung des jungen Geschlechts produktiver und für die Gemeinschaft wertvoller zu sein scheint als die nur unvollkommen zu verwirklichende »Behandlung« des älteren Geschlechts, selbst er wird niemals leugnen, daß ein Minimum sozialer Stabilität im Leben des Kindes notwendig ist, damit pädagogische Maßnahmen erfolgreich sein können. Aber weil er weiß, daß die Erfüllung selbst dieser Minimalforderung ein so umfangreiches Programm darstellt, daß man nicht hoffen kanb, es jemals zu verwirklichen, weil er weiß, daß die Aufgaben auf dem Gebiet der Familien- und Gesundheitsfürsorge, der Wohnungs- und Arbeitspolitik (um nur die wichtigsten Problemkreise zu erwähnen) so zahlreich sind, daß ihnen die Kräfte eines werdenden Gemeinwesens nicht adäquat sind, neigt er dazu, seine gesamte Energie der Jugendarbeit zu widmen. Niemand wird bestreiten, daß Not, Enge der Wohnung, Krankheiten, Störungen der Familienbeziehungen auf die Entwicklung des Kindes destruktive Wirkung ausüben muß; aber die Diagnose ist leichter als die Therapie, und die Aufzeigung der therapeutischen Hilfsmittel leichter als ihre Anwendung. Die Aufgabe heißt, wie bereits mehrfach betont worden ist, die heterogenen und für das moderne palästinensische Leben nicht genügend vorbereiteten Elemente der jüdischen Bevölkerung allmählich zur Anpassung und Einordnung zu erziehen. Weil aber auch diese Aufgabe nicht nur einen materiellen, sondern auch einen pädagogischen Einsatz erfordert, ist es verständlich, daß sich, wo nur begrenzte Mittel zur Verfügung stehen, die Bemühungen des Sozialtherapeuten fast automatisch auf die Jugend richten. Die Jugendarbeit zerfällt in zwei Teile: Schulfürsorge und Berufsfürsorge. Im Folgenden sollen einige der dringendsten Aufgaben dieser zweifachen Fürsorge dargestellt werden. AI! utosere Bemühungen um eine produktive Lebensvorbereitung unserer Kinder können nur dann erfolgreich sein, wenn es eine allgemeine Schulpflicht gibt. Eine allgemeine Schulpflicht bat jedoch zur Voraussetzung: daß der Unterricht in den Volksschulen nicht mit Kosten verbunden ist. Man hört oft Diskussionen über die Frage, ob die orientalischen Juden ihre Kinder in die Schulen schicken würden, wenn sie kein Schulgeld zu zahlen hätten. Die Zweifler pflegen darauf hinzuweisen, daß nicht immer in der wirtschaftlichen Not der Eltern die Ursache der pädagogischen Vernachlässigung der Kinder zu suchen ist, und daß viele unter ihnen ihre Kinder nicht in die Sdhulen schicken, weil sie in ihnen eine direkte oder indirekte Einnahmenquelle sehen, und weil sie Schulunterricht und Wissen weniger hoch einschätzen als Kinder-