Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 20 (1937)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1937)
- Article
- Der Einfluß sozialer Mißstände auf den Gesundheitszustand der Studierenden
- Date
- 1937-02-01
- Page
- Seite 75 (sequence 2)
- Language
- German
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sozialer Bedeutung ist aber der relativ hohe Prozentsatz der Fälle von »nervösen« Störungen oder von Reizzuständen, weil damit behaftete Menschen auf soziale Schädlichkeiten stärker reagieren als solche von fester Nervenkonstitution. Über ein Drittel aller Studierenden hatten Anzeichen von erhöhter Erregbarkeit, Neurasthenie, Hysterie, Herzneurose u. dgl., wobei allerdings zu bedenken ist, daß sich die Mehrzahl der Untersuchten erst kurze Zeit, zuweilen erst einige Monate im Lande befand, so daß vielfach auch Akklimatisationsschwierigkeiten im Spiele sind. Ein Drittel der Untersuchten sind als Schwächlinge (höheren und leichteren Grades) zu bezeichnen: Fälle von Unterernährung, Blutarmut, zartem Knochenbau, schwächlicher Muskulatur, Mißverhältnis von Länge und Gewicht, schmalem Brustkorb u. dgl. Zu dieser Gruppe stellen die Studentinnen einen höheren Prozentsatz als die Studenten. Die beiden Gruppen der Nervösen und Schwächlinge sind aber keineswegs identisch, da eine nicht geringe Zahl von Nervösen äußerlich einen durchaus gesunden Eindruck macht und zuweilen sogar durch ihren kräftigen Bau auffällt. Daß eine relativ große Zahl von Studierenden unter sozialen Mißständen leidet, ergibt sich, abgesehen von den obigen Angaben, auch aus der großen Zahl der Krankmeldungen. Simulation oder Übertreibungen spielen hierbei keine Rolle, weil es sich fast durchwegs um objektiv feststellbare Zustände handelt und weil den Studierenden aus der Krankmeldung keinerlei Vorteile erwachsen. Während des Studienjahres 1936/37 waren 240 in Behandlung, obwohl es in dieser Zeit keine Epidemie gab, das heißt nicht weniger als 70% der 600 Untersuchten, hievon 123 an zwei verschiedenen Krankheiten, 41 an drei und mehr Krankheiten. Diese Zahlen haben eine soziale Bedeutung, erstens als hohe Krankenziffern an sich, zweitens weil fast die Hälfte der Erkrankungen auf Infektionen der Haut zurückzuführen waren, obwohl die jungen Leute bei der Untersuchung mit verschwindenden Ausnahmen einen recht sauberen Eindruck machten. In den drei ersten Quartalen des letzten Studienjahres waren rund 23% aller behandelten Fälle solche von Furunkulose, Panaritien und ähnlichen Hautinfektionen. Die zweite Hauptgruppe bildeten die Wunden an Händen und Beinen (rund 20%), besonders bei körperlich arbeitenden Studenten. (2332% aller Studenten bezogen ihren Unterhalt aus physischer Arbeit.) Die Furunkulose ist auch sonst im Lande sehr verbreitet. Daß aber während des Studienjahres jeder vierte Student an Furunkulose und jeder fünfte an (mehr oder minder infizierten) Wunden behandelt wurde, deutet auf soziale Mißstände. Als solche kommen besonders unzureichende Wohnungsverhältnisse, Wassermangel und ungenügende Ernährung in Frage. Statistiken, die sowohl von der Verwaltung der Universität wie von der Studentenorganisation durchgeführt wurden, bestätigen diese auf Befunde und Beobachtungen gestützte ärztliche Vermutung. Danach hatten etwa ein Drittel aller Studierenden nur Einnahmen bis zu 4 £P monatlich, übre 43% von 4 bis 7 £P, 7.76% müssen zur Ernährung der Familie beitragen. Über die Hälfte der Studenten geben 5 bis 10 Piaster täglich für Ernährung aus, gegen 5% aber weniger als 5 Piaster, 15% wohnen zu dritt in einem Zimmer usw. Die Wassernot ist, allerdings nicht in allen Stadtvierteln, durch die neue Wasserversorgung Jerusalems gemildert. Dennoch macht der Arzt beim Besuch bettlägeriger Studenten in dieser Beziehung vielfach traurige Erfahrungen. In den gemeinsamen Zimmern, die meist geräumig sind, fällt ferner die mangelnde oder mangelhafte Ausstattung auf. Über die Ernährung gibt die obige Statistik bessere Aufklärung als die Stichproben, auf die der Arzt angewiesen ist. In einer erheblichen Zahl von Fällen ist die Unterernährung offenkundig; für die Durchführung einer Diät in Krankheitsfällen fehlen vielfach die Mittel.