Mannheim
Compact Memory

Palästina · 1937-01-01 · Heft 1 (Januar 1937) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
20 (1937)
Issue
Heft 1 (Januar 1937)
Article
Zur Kritik der arabischen Bewegung
Date
1937-01-01
Page
Seite 8 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2379786-2379953-2379955-2409994--24193-2410133
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

eine große, aus Eroberungen entstandene imperialistische Macht? Es wirkt wenig überzeugend, wenn man sich gegen den europäischen Imperialismus auflehnt, der heute die moslemischen und arabischen Völker unterdrückt, und gleichzeitig die Augen auf die eigene Vergangenheit richtet, welche genau so auf Eroberung und Unterdrückung fremder Völker und Länder beruhte. Dies bedeutet nur, der Imperialismus sei zu verwarfen, wenn er englisch oder französisch ist, er sei aber fein und gut, wenn er arabisch wäre. Um diese imperialistische Linie in der modernen arabischen Bewegung zu finden, müssen wir uns gar nicht der arabischen Sehnsucht nach der Vergangenheit zuwenden. Reichliches Material dafür wird uns der arabische Kampf um die Selbständigkeit in der Gegenwart liefern. Irak, ein Staat mit drei Millionen Einwohnern, hat eine Bodenfläche, die der Polens mit seinen 32 Millionen Menschen gleichkommt und fast so groß ist wie die Deutschlands mit seinen 70 Millionen Einwohnern. Und Irak ist genau so wie Polen kein Nationalstaat, sondern ein Konglomerat von Völkern und Ländern. Im Norden lebt eine zahlreiche kurdische Minderheit, eine besondere Rasse mit eigener Sprache und Geschichte. Diese Minderheit kämpft um ihre Selbständigkeit, wird aber unterdrückt, und mit Hilfe der imperialistischen Kombinationen der englisch-irakischen Kooperation bleiben die Kurden dem arabischen Irak unterworfen. Im Norden Syriens, im Bezirke Alexandrette, existiert eine dichte türkische Bevölkerung, die infolge einer ebenso imperialistischen, diesmal syrisch-französischen Kooperation gezwungen ist, von ihrer nahen türkischen Heimat getrennt zu bleiben. Ebenso ist die Gegnerschaft der Syrer gegen die Autonomie des Libanon bekannt, obwohl dieses Land eine besondere, von Syrien seit Jahrhunderten unabhängige Tradition besitzt und seine wichtigste Bevölkerungsgruppe, die Maroniten, sich als Angehörige eines besonderen, nichtarabischen Volkstums betrachten. Wenn wir uns beispielsweise dem Streit zwischen England und Ägypten in der Frage des Sudan zuwenden, so erfahren wir, daß der Sudan nur kraft militärischer Eroberung ägyptisch ist; in dem Maße, in dem im Sudan eine selbständige Bewegung entstanden ist, haben die Bewohner (die Mahdi-Bewegung am Ausgang des vorigen Jahrhunderts) gegen die englischägyptischen Verbündeten gekämpft. Zwar behaupten die Ägypter, daß sie in einigen Jahrzehnten den Sudan für den Überschuß ihrer Bevölkerung benötigen würden und der Nil der Lebensnerv Ägyptens ist. Durch diese Verfechtung einer Zugehörigkeit des Sudans zu Ägypten kann aber die Tatsache nicht aus der Welt geschafft werden, daß hier ein Anspruch auf ein fremdes Gebiet erhoben wird. Auch jeder andere Imperialismus wird vom Bedürfnis der Sicherung von Vorteilen, der Vergrößerung der Vorteile getragen. Wenn wir oben die Bestrebungen von Irak und Syrien, ihren Staat auf Gebiete fremder Völker auszubreiten, betonten, wollten wir damit nicht gegen die Einheit des syrischen oder irakischen Gebietes Stellung nehmen. Es ist durchaus möglich, daß es für die Kurden vorteilhaft ist, innerhalb des irakischen, und für die Libanesen innerhalb des syrischen Staates zu verbleiben, genau so wie es keinen Zweifel darüber geben kann, daß Irak die Mossul-Provinz und Syrien den Beyrouth-Hafen benötigt. Aber dasselbe ließe sich auch über Irland und England. Ägypten und England, Abessinien und Italien sagen, was aber keineswegs die imperialistischen Merkmale aller dieser Beziehungen aus der Welt schafft. Diese bleiben in allen diesen Fällen bestehen und treten auch in der arabischen nationalen Bewegung merklich hervor. Die jungarabische Bewegung kennt nicht nur einen nationalen Imperialismus, sondern auch einen dynastischen. Die Dynastien — die Husseinische, die Saudische und Jeme-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.