Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1936)
- Article
- Transferproblem und Palästinawirtschaft
- Date
- 1936-12-01
- Page
- Seite 602 (sequence 2)
- Language
- German
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einwandernde Kapital zu »produktivieren«. Es handelt sich also um einen ganz natürlichen Prozeß, der zwar nicht frei von Hemmungen für die Produktivierung ist, diese aber nicht entscheidend zu stören braucht. Das ist in der Theorie ganz richtig, aber leider nicht in der Praxis. Denn mit dem Anwachsen der Schwierigkeiten eines freien Kapitaltransfers über Gold wird der Transfer, der über die Ware geht, zwangsläufig immer größer. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Ein Strumpffabrikant aus Polen will nach Palästina übersiedeln und dort ebenfalls Strümpfe erzeugen. Solange er aus Polen Kapital in Form von »Geld«, also immerhin möglicherweise über das Vehikel »Gold«, transferieren konnte, kam er mit dem Geld ins Land (brachte wohl nur die Maschinen in natura mit) und errichtete seine Fabrik. Auch er trat natürlich mit den bestehenden Strumpffabriken in Konkurrenz. Aber: Er beschäftigte Arbeiter und produzierte zu den gleichen Bedingungen wie seine Konkurrenten. Wenn aber Polen — oder Österreich, Litauen oder Rumänien — keine andere Transfermöglichkeit mehr als die über Ware freigibt, dann bringt derselbe Mann heute nicht nur seine Maschinen mit, sondern sein eigentliches Kapital in Form von Strümpfen. Und hierin liegt das Wichtige: Dieser Kapitalimport beschäftigt zunächst einmal keine Arbeiter, sondern nimmt beschäftigten Arbeitern die Arbeit fort. Er konkurriert auch nicht mit den bestehenden Fabriken zu gleichen Bedingungen, sondern bringt eine Ware mit, die meistens in Großbetrieben zu ganz anderen Bedingungen erzeugt wurde, als sie in Palästina gegeben sind. Er ist vor allem dazu bereit, um zu »Geld« zu kommen, auf seine Strümpfe erhebliche Verluste in Kauf zu nehmen. Das heißt: Bevor sich diese Art von Kapitaltransfer realisiert und produktiviert, geht sie durch ein Stadium, welches vom palästinensischen Standpunkt aus betrachtet, ausgesprochen produktionsfeindlich ist. Das kann nur etwas gemildert, aber keineswegs in seinen entscheidenden Wirkungen dadurch aufgehoben werden, daß man sagt: Der polnische Strumpffabrikant braucht ja nicht nur Maschinen in natura herüberzunehmen, sondern kann ja auch Rohstoffe, also Garne, mitbringen. Da liegen die Schwierigkeiten aber prinzipiell darin, daß Palästina solche Rohstoff mengen, wie sie sich aus einem auch »aus Judennot« stark verkleinerten Kapitalzufluß in den nächsten Jahren ergeben würden, einfach nicht aufnehmen kann, weil sein Markt viel zu klein ist. Denn es ist ja klar, daß ein Import von Fertigware, also einem Material, das pro Konsumptionseinheit meistens hohe Prozentsätze von Arbeitslohn enthält, viel weniger Konsumptionseinheiten umfaßt, als die Einfuhr von Rohmaterialien, in denen noch wenig Löhne stecken. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Der Strumpffabrikant aus Polen wird sein Kapital vielleicht in Form von 100.000 Dutzend Strümpfen transferieren und dieses Quantum auch im Lande absetzen können — wenn auch in schärfster Konkurrenz mit der palästinensischen Industrie. Aber wenn er für den gleichen Kapitalbetrag Garne herüberbringt, dann sind das nicht mehr Garne für 100.000 Dutzend, sondern für 350.000 Dutzend oder auch für 400.000 Dutzend, und damit stößt er schon derart an die Grenzen unseres kleinen Marktes, daß er gefährliche Risiken eingeht. (Er muß sich mit seinem Rohmaterialstock auf Jahre festlegen, die Ware kann verderben oder außer Mode kommen usw.) Vor allem ist dann die Frage der Beschaffung des Investitionskapitals und des Betriebskapitals sehr viel schwerer zu lösen, als wenn er »gängige Fertigware« ins Land bringt. Das heißt also: Die Tatsache, daß unsere Masseneinwanderung aus goldarmen Ländern kommt, bedroht in nicht geringem Ausmaße die Produktivierung unseres Kapitalzustromes und damit die wirkliche Verwurzelung des Jischuw sowie die Lösung