Mannheim
Compact Memory

Palästina · 1936-06-01 · Heft 6 (Juni 1936) · p. Seite 280

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
19 (1936)
Issue
Heft 6 (Juni 1936)
Article
Zum Ärzteproblem in Palästina
Date
1936-06-01
Page
Seite 280 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2379786-2379939-2379946-2408108--22808-2408251
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Diese Ausführungen über die bisherige Ärztealijah, die vom Mangel bis zur Übersättigung des Landes mit Ärzten geführt hatt sind dadurch charakteristisch für diese Zeit, daß das Wohl der jeweils einwandernden Ärzte, das Wohl der Ärzte schlechthin, fast ausschließlich das Maß war und bis* heute geblieben ist, mit dem das Gesundheitswesen gemessen wurde. Diese Betrachtungsweise ist allzu einseitig, als daß sie auf die Dauer die maßgebende bleiben könnte. Die Not der jüdischen Ärzte in Europa zu mildern, ist ein dringendes Bedürfnis. Den nach Palästina strömenden jüdischen Ärzten Arbeit und Verdienst im Lande zu verschaffen, ist eine täglich brennender werdende Frage, deren auch nur teilweiser Lösung es lohnt, die größten Anstrengungen zu widmen. Aber es ist wieder ein Zeichen für die Abnormität unserer Lage, daß die Unterbringung dieser Ärzte in Amt oder Praxis fast der einzige Hebel ist, mit dem die gesundheitliche Versorgung unserer Bevölkerung in Angriff genommen wird. Der Arzt wird nicht gerufen, weil Krankheit das Volk gefährdet, sondern das Volk sucht Kranke, weil seine Ärzte in Not sind und Arbeit brauchen. Ein solches Maß von öffentlicher Aufmerksamkeit, eine solche Freiheit im Wahrnehmen persönlicher Berufschancen ist Ärzten wohl selten je gewährt worden wie hier in Palästina und mußte demoralisierende Folgen haben. Nicht nur bei den Ärzten, beim Publikum und in vielen Ämtern, die das Überangebot von tüchtigen Ärzten bald auszunutzen begannen. Man darf hoffen, daß dies bald nicht mehr der Fall sein wird. Die Liquidierung der bestehenden Notstände wird jedoch viel Zeit in Anspruch nehmen. Es gilt nicht nur, den persönlichen Notstand vieler Ärzte zu beseitigen, sondern es gilt auch, den nationalen Notstand der jüdischen Ärzte aufzuheben. Es ist heute nicht leicht, als jüdischer Arzt in Palästina zu leben. Die Berufsfreude schwindet vor Mangel an kollegialer Moral, vor einer Polypragmasie aus Nachgiebigkeit gegenüber den Wünschen der Kranken, vor der Unmöglichkeit, als einzelner den Versuch zu machen, im Krankheitsfall der Erzieher seiner Patienten zu sein. Wenn auch nur 10% der Ärzte sich der moralischen und wissenschaftlichen Disziplin entziehen, — und mehr räudige Schafe gibt es hier gewiß nicht unter uns —, dann wird die ganze Ärzteschaft demoralisiert und gefährdet. Darum ist die erste Forderung, alle jüdischen Ärzte Palästinas nicht nur zu einer Körperschaft zusammenzuschließen, sondern dieser auch erziehende, kontrollierende und wegweisende Organe zu geben, die imstande sind, das Chaos unseres ärztlichen Berufslebens zu beseitigen und uns zu einer beruflichen Koalitionsfähigkeit zu führen, die zum Leben des Volkes und der Ärzte notwendig ist. Dann werden auch die Machtmittel nicht fehlen, die diese Organe der Ärzteschaft zur Durchführung ihrer Arbeiten nötig haben. Es muß wieder einmal betont werden, daß der Arzt nicht nur die heilige Pflicht hat, seine Familie zu ernähren, sondern über diese Pflicht hinaus zusammen mit seinen Kollegen eine bedeutsame Aufgabe und Funktion im Leben seines Volkes zu erfüllen hat, ohne die jeder Arzt mit oder ohne Titel, mit oder ohne Praxis, ein sozial unerhebliches, schließlich parasitäres Leben führt. Dem Studenten der Medizin sind die Ergebnisse medizinischer Wissenschaft nicht mit solcher unbeschränkten Großzügigkeit geschenkt worden, damit er dieses Geschenk nur zur eigenen Bereicherung verwendet. Er soll sich dieses Geschenkes bewußt bleiben, indem er lebenslang unabdingbare Pflichten gegenüber der Wissenschaft, den Kranken und gegenüber seinem Volke anerkennt. Das gilt für die Ärzte aller Völker, für unsere nicht weniger sondern mehr. Es gab früher hier im Lande eine Anzahl Ärzte, die dem Wohl des Volkes in den Positionen dienten, die zu besetzen notwendig waren, auch wenn sie unbequem und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.