Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1936)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1936-05-01
- Page
- Seite 274 (sequence 3)
- Language
- German
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Die gesamte Sozialgeschichte bis zur Neuzeit läßt sich nach Oppenheimer auf diese Formel bringen; der feudale Raum mit der für ihn typischen Verfassung des Eigentums der Stände und der "Seelen hat diese Epoche europäischer Kulturgeschichte beherrscht. In dem letzten Bande, der der Entstehung der Stadt und Bürgerschaft, in der beginnenden kapitalistischen Ära gewidmet ist und mit einem kurzen Ausblick auf die wenig erfreuliche Gegenwart schließt, steht die Stadt und die Entstehung des Bürgertums im Mittelpunkt der Darstellung. Das Heilmittel Oppenheimers ist auch hier ähnlich wie in seinen früheren Werken erhobenen Forderungen die Herstellung der freien Konkurrenz durch die Aufhebung der Bodensperre, im Gegensatz zu der Lösung, wie sie auf der einen Seite der Bolschewismus, auf der anderen Seite der Faschismus oder der Neomerkantilismus versuchen. Es ist wie schon erwähnt hier nicht der Ort einer Diskussion mancher von Oppenheimer mitgeteilten Thesen. Die Darstellung, die mit einem kurzen Überblick der Soziologie der Stadt mit der Karoiingerzeit beginnt und die Entwicklung der vormittelalterlichen Städte bis zum Hochkapitalismus schildert, ist überaus lebendig, geistvoll und anregend. Auch dieser Band ist eine unvergleichliche Fundgrube von Erkenntnissen und Kenntnissen, Von besonderem Interesse mag heute auch das Kapitel sein, in dem sich Oppenheimer unter soziologischen Aspekt mit dem jüdischen Schicksal im Mittelalter beschäftigt. Er stützt sich dabei für seine Quellen in erster Linie auf Caro und Schipper. Die Juden, die im frühen Mittelalter die Erbschaft der Syrer im zwischenstaatlichen Handels- und Geldverkehr antraten und durch ihre Beziehungen und Vielsprachigkeit die geeigneten Mittler des internationalen Verkehrs und Austauschs waren, haben noch zu Ende des ersten Jahrtausends in vielen Ländern sehr wichtige Positionen erreichen können. Im Westen sowohl als im Orient, für den in letzter Zeit namentlich Fisch el neues Material zur Geschichte des jüdischen Einflusses in der Wirtschaft bearbeitet hat, sind die Juden in jener Zeit zu Reichtum und Einfluß gekommen. Die Schilderung ihres Absturzes ist heute das erregendste Kapitel dieses Buches, da sich geradezu mit monotoner Eintönigkeit das gleiche Schicksal wieder vollzieht. Die Geschichte der Juden bietet nach Oppenheimer ein »Schulbeispiel für das sozialpsychologische Hauptgesetz, demzufolge sich immer diejenige Ideologie einstellt, die die Gruppenhandlung zwar nicht verursacht, wohl aber „legitimierend" begründet«. Je nach der Interessenlagerung einer Gruppe wird eine bestimmte Motivation gefunden; die dabei unterlaufende Selbsttäuschung ist oft gutgläubig, nachdem es sich um eine soziologische Massensuggestion handelt. Der Mensch wird gesetzmäßig über sich selbst getäuscht. Die Juden haben nach Oppenheimer durch ihre Erfahrungen gelernt, durch die Hüllen der Ideologie zu blicken, und von hieher datiert ihr Rationalismus, der sie seitdem nicht mehr verlassen hat. »Im Mittelalter war es die Kreuzigung Christi, für die die Juden zu büßen hatten, in der Neuzeit, in der nicht mehr die Religion die vorherrschende Rolle spielt, ist es ihre „Rasse", gegen die sich die Empörung richtet.« Man wird das Werk von Oppenheimer, ein Werk tiefer Lebensweisheit nicht ohne großen Gewinn und Dank an den unermüdlichen Streiter im Dienste der Erkenntnis aus der. Hand legen. Alfred Bonne. Schluß des redaktionellen Teiles. Wir bitten dringendst, alle Zuschriften, die die Administration betreffen, an diese und nicht an die Redaktion zu senden. Herausgeber und verantwortl. Redakteur: Adolf Böhm, Wien XVI., Wilhelminenstraße 28. — Eigentum: Herzl'Klub, Wien I., Elisabethstraße 1. — Verlag u. Administration: Fiba-Verlag, Wien VI., Gumpendorfer' straße 10. — Druck: C. Schneid, Wien VIII., Lerchenfelderstraße 146, Telephone B-43-0-35 u. B'43-0'36.