Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1936)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1936-05-01
- Page
- Seite 273 (sequence 2)
- Language
- German
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zu werden; um so mehr, als es gleichzeitig einen groß angelegenten Versuch darstellt in einer historischen Gesamtschau, die Grund- und Leitidee Oppenheimers von der Entstehung und dem Mißbrauch des Großgrundeigentums und des Staates durch die Zeiten hindurch zu beweisen, somit Probleme behandelt, die in Palästina und im Orient neuerdings immer häufiger in unseren Gesichtskreis treten. In der Einleitung zum Bande über das Mittelalter beklagt sich Oppenheimer mit dem ihm eigenen Temperament, daß die moderne Geschichtswissenschaft selbst in ihren repräsentativsten Vertretern und Werken an den spezifisch soziologischen Fragestellungen vorübergegangen ist, ja, daß man nicht einmal selbst dort, wo sie dazu verpflichtet wäre, das Gefühl hat, etwas von ihr erwarten zu können. Die Probleme der Beziehungen von Bauernschaft und Großgrundbesitz in ihrem Zusammenhang mit der Entstehung des Stadt und des Bürgertums haben in den modernen Geschichtswerken kaum mehr als zufällige Hinweise ,gefunden. Oppenheimer beschuldigt speziell die historische Schule der Sozialwissenschaft, diese Fragen, und insbesondere die von Oppenheimer früher selbst schon beigesteuerten Versuche zu einer Lösung nicht zu sehen und anzuerkennen. Die durch die Industrieentwicklung in den Vordergrund gerückten Problemstellungen haben das Interesse für jene Zusammenhänge vollkommen in den Hintergrund gedrängt und damit nach der Ansicht Oppenheimers zu einem schweren Verfall der Forschung geführt. Demgegenüber, und das ist letzten Endes der Sinn und der Inhalt seiner großen zusammenfassenden Darstellung, will Oppenheimer die zentrale Bedeutung einer gesund entwickelten und geschichteten Landwirtschaft für die Entstehung der Städte und dem gesunden Aufbau der Bevölkerung eines Landes überhaupt ein für allemal an der Historie, an Hunderten von historischen Einzelbeispielen beweisen. Es ist unmöglich, im Rahmen einer kurzen Besprechung auch nur mehr als den Abriß einer Übersicht über den Inhalt der beiden Bände zu geben. Der Band über das Mittelalter beginnt mit einer kurzen Widerlegung der Katastrophentheorie, das heißt jener Konzeption, nach welcher die geschichtliche Entwicklung in Zaesuren, das heißt auf den Blick von einander geschiedenen Zeitabschnitten erfolgt. Die moderne Geschichtswissenschaft habe mit der Vorstellung, daß eine Geschichtsperiode durch eine vollkommen anders gerichtete Epoche etwa im Sinne des Gegensatzes Altertum—Mittelalter abgelöst werde, aufgeräumt. Die Übergänge zwischen den Geschichtsperioden sind keineswegs scharf, sondern fließend, und nur langsam und sukzessive setzen sich im kontinuierlichen Strom der Entwicklung neue Gestaltungen durch. Von diesem Grundprinzip ausgehend stellt Oppenheimer jeweils in besonderen Abschnitten die Entwicklung der Germanenstaaten auf dem Boden des römischen Reiches dar, behandelt ferner das byzantinische Reich und die arabischen Reiche, die Staaten der Reiterhirten und die Slawen. Im Mittelpunkt der einzelnen Kapitel steht immer das Verhältnis der herrschenden Gewalt zum Bauerntum und die Bedeutung der Bodeneigentumsverhältnisse für den Niedergang der Staaten. Das Ergebnis aller dieser einzelnen Untersuchungen ist für Oppenheimer die definitive Widerlegung der Lehre von der ursprünglichen Akkumulation, das heißt jener Lehre, welche die Differenzierung der Völker nach Recht und Vermögensklasse von der Verschiedenheit der wirtschaftlichen Begabung ableitet. An Stelle jener Irrlehre stellt Oppenheimer seine schon in seinen früheren Veröffentlichungen ohne Unterlaß vertretene Hauptlehre von der Entstehung des Staates durch Beutezug und Eroberung auf. Die ursprüngliche Verteilung des Eigentums und die ursprüngliche Schichtung der Stände haben nichts mit friedlicher Differenzierung zu tun, sondern sind Schöpfungen der Gewalt, der Eroberung und Unterwerfung.