Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 4 (April 1936)
- Article
- Zur Problematik des palästinensischen Außenhandels
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 181 (sequence 7)
- Language
- German
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In der Notwendigkeit der Konsumgütereinfuhr zur Deckung des durch die Einwanderung bedingten zusätzlichen Bedarfes wird gleichzeitig die besondere Funktion des Kapitalimportes nach Palästina offenbar. Im allgemeinen ist man geneigt, die für die Einfuhr von Konsumgütern ausgegebenen Summen des Kapitalimportes als unproduktive Ausgaben anzusehen, da die Genußmittel nach ihrem Grenzübertritt unmittelbar dem Verbrauch zugeführt werden, also mit ihrem ganzen Wert zerstört werden, während die Produktivgüter zur Quelle neuen Tauschwertes werden. Aus dieser Erwägung wäre es konsequent zu folgern, daß der zur Einfuhr von Konsumgütern dienende Kapitalimport nach Palästina keine positiven Funktionen im Entwicklungsprozeß Palästinas erfülle, da der Wert der eingeführten Konsumgüter mit deren Verbrauch zerstört wird und damit die für diese Wareneinfuhr ausgegebenen Summen des Kapitalimportes nach einmaliger Verwendung aus der Wirtschafts- und Handelsbilanz Palästinas verschwinden. Diese, einem hochkapitalistischen Staate gemäße Betrachtungsweise, wird jedoch der palästinensischen Situation keineswegs gerecht. In den hochkapitalistischen Ländern mit einer nur langsam ansteigenden Bevölkerungsbewegung, in denen die Tendenz bereits darauf gerichtet ist, ein gewisses kulturelles Existenzminimum der Bevölkerung zu decken, bedeutet die Verwendung von Kapitalimport für Konsumgüter die Deckung eines zusätzlichen, nicht unbedingt notwendigen Bedarfes, daher eine Verausgabung für nichtproduktive Zwecke. Ein solcher Analogieschluß auf die palästinensische Situation ließe jedoch außer Acht, daß der Kapitalimport nach Palästina von einer starken Einwanderung begleitet ist, von der der größte Teil gewillt ist, seine Arbeitskraft — sei es als Arbeiter — sei es als Unternehmer —* in den Entwicklungsprozeß Palästinas einzufügen. Soweit die Einwanderer Träger von Arbeitskraft sind, verkörpern sie einen Produktionsfaktor. Ihr Verbrauch ist unter diesem Aspekt ein Kostenelement in der Erzeugung 2 und die Einfuhr der zu ihrem Unterhalt notwendigen Konsumgüter sind daher vom volkswirtschaftlichen Gesichtspunkte aus der Einfuhr von Produktivgütern gleichzusetzen. Die Einfuhr dieser Konsumgüter ist daher in gleichem Sinne wie die der Produktivgüter zu bewerten. Denn in einem Lande, das nicht gerade einen Tiefpunkt wirtschaftlicher Depression erreicht hat und daher an Überproduktion leidet, muß sich mit steigender Einwanderung und zunehmender Ausweitung des Wirtschaftsraumes ein Mangel an all den Konsumgütern geltend machen, die nicht zu den Ausfuhrartikeln des betreffenden Landes gehören. Da die Ausweitung des Produktionsumfanges in den meisten Wirtschaftszweigen nicht dem Tempo einer plötzlich gesteigerten Nachfrage folgen kann, da in der Landwirtschaft der Übergang zur intensiven Wirtschaftsform nicht sogleich Früchte trägt und da in manchen Zweigen der Industrie vielfach noch die Voraussetzungen für die einheimische Bedarfsdeckung fehlen, konnte die vergrößerte Nachfrage nur mit einer vergrößerten Einfuhr an Konsumgütern gedeckt werden. Durch die gleichzeitige Kaufkraftsteigerung in vielen Schichten der einheimischen Bevölkerung, die sowohl auf konjunkturelle, wie auch strukturelle Wandlungen zurückzuführen ist, erfuhr die Einfuhrsteigerung noch einen zusätzlichen Auftrieb. Soweit sie also zur Deckung des Lebensunterhaltes des vergrößerten Arbeiterkontingents und anderer an der Wirtschaftsentwicklung Palästinas mitwirkenden Kräfte dient, ist sie analog der Einfuhr von Produktionsmitteln zu bewerten. Der Unterschied besteht vornehmlich darin, daß es sich bei der Einfuhr von Produktionsgütern um meist klar erkennbare, unmittelbare Deckung der Nachfrage nach Produktionsmitteln handelt, während zur zusätzlichen Deckung der Nachfrage nach Arbeitern auch noch ein erweiterter Vorrat an Massenbedarfsgütern erforderlich ist. 2 Vgl. Gruntzel, J. Handels-Zahlungs-Wirtschaftsbilanz, Wirtschaftstheorie der Gegenwart, Bd. IV, Wien, J. Springer, 1928.