Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 3 (März 1936)
- Article
- Das Bankenviertel von Tel Aviv
- Date
- 1936-03-01
- Page
- Seite 135 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Banken viertel von Tel Aviv 135 Städtebauliche Betrachtungen über die Handelsstadt* Von Dr.'Ing* W* Lesser, Tel Aviv. Das Werden einer Stadt bis zur tatsächlichen Genesis der Großstadt setzt sich entsprechend den Bedürfnissen der Bewohner und den Gesetzen des modernen Städtebaus aus Einzelphasen zusammen, wie der Anlage von Wohnvierteln, der Gruppierung von Plätzen, Frei- und Grünflächen nach Gesichtspunkten, die der Hygiene, dem Verkehr und der Ästhetik Rechnung tragen, der separaten Gründung von Fabrikvierteln in der Nähe von Straßen, Eisenbahnen, Wasserläufen und konträr der herrschenden Windrichtung zur Stadt usw. Während nun diese Lehren — zu Schöpfungen der Menschenhand verarbeitet — gewissermaßen vom Reißbrett herunter — in die Natur übersetzt werden, gibt es einen anderen Prozeß ohne Theorie und System, der aber deswegen nicht minder intensiv von innen heraus — zur Genesis der Großstadt beiträgt: Das ist die Auflösung des Stadtgebietes in einzelne Branchenviertel. Hier handelt es sich nicht um die Verwertung von Lehren aus den Gebieten der Kunst, Architektur oder Technik, sondern nur um die Nutzanwendung reiner Ökonomie, eine Entwicklung, die grundsätzlich allen Großstädten gemeinsam, wenn auch in den Einzelheiten verschieden ist, je nachdem der Charakter als Haupt-, Industrie-, Jiafen-, Handelsstadt usw. überwiegt. Ähnlich wie sich in den einzelnen Ländern bestimmte Branchen-Reviere gebildet haben und immer wieder bilden, man denke an das Walliser Kohlengebiet in England, das Gablonzer Glas- und Bijouteriegebiet in der Tschechoslowakei, das Solinger Eisenzentrum im Rheinland, die Genfer Uhrenindustrie in der Schweiz —* so ergeben sich diese Bezirke im Kleinen innerhalb der Städte, und schon manchmal hat dann dieser Prozeß so vollendete Formen angenommen, daß die Straßen oder Viertel im Leben der Völker bestimmte Begriffe versinnbildlichen, wie der Quai d'Orsay und die Downingstreet in Paris und London als Mittelpunkte der großen Weltpolitik, wo Botschaften, Gesandtschaften und Konsulate mit den Quartieren für das Personal dicht bei einander domizilieren; ähnlich die Wallstreet in New York und die Behrensstraße in Berlin als Bankenzentrum im internationalen Weltgetriebe mit Akkumulierung riesiger Grundstücksareale von Zehntausenden von Quadratmeter in einer Hand K Nicht minder stark ausgeprägte Viertel ergeben sich häufig für den Großhandel, die Konfektion, Zeitungen usw. Nunmehr beginnt sich dieser Prozeß auch in den palästinensischen Städten in Resonanz der Kommerzialisierung des Landes zu vollziehen, und besonders heben sich in Tel Aviv immer deutlicher vor dem prüfenden Auge des Beschauers die Konturen der Interessensphären einzelner Branchen ab. Dies begegnet um so geringeren Schwierigkeiten, als die Stadt bisher ohne städtebaulichen Guß und ohne festen Charakter war. Jerusalem ist die Stadt der Vergangenheit und der Ewigkeit, ihre heutige Bedeutung hat sie als Sitz der Regierung und als Universitätsstadt, und hiedurch — noch verstärkt durch die etwas abseitige Lage in den steinigen Bergen — bestimmt sich ihr ernster Charakter in dem vielsprachigen Völkergemisch des Orients, was auch äußerlich an der steinernen Architektur der Häuser zu Tage tritt. Haifa ist die gediegene, schöne Stadt, gekennzeichnet durch den englischen Kriegshafen, das aufstrebende jüdische 1 Schon vor dem Kriege besaß im Bankenviertel von Berlin, das heißt im wertvollsten Teil des Stadtinneren, die Reichsbank mehr als 23.000 m2, die Deutsche Bank über 20.000 m2, die Disconto-Ges. zirka 12.500 m2, das private Bankhaus Mendelssohn etwa 5000 m2 usw.