Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 19 (1936)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1936)
- Article
- Bauen und Planen
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 2)
- Language
- German
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der Geschichte, daß es heute auf der ganzen Welt kein im Bereich des modernen Wirtschaftslebens liegendes Land gibt, das in solchem Maße wie Palästina dem mit explosiver Gewalt wirkenden Ansturm einer hemmungslosen Bodenspekulation) ausgesetzt ist. Das Gleichgewicht zwischen Stadt und Land verschiebt sich zuungunsten des Landes, der Prozeß der Verstädterung nimmt zu, die Überbelegung der Wohnungen in den Städten schreitet fort, Grundstückpreise und Mietpreise gehen ununterbrochen in die Höhe, 30 bis 50% des Arbeitslohns werden für die Miete verbraucht. Tritt noch dazu eine schlechte Aufteilung des Geländes, eine übersteigerte Ausnutzung der Bauparzellen, eine übermäßige Bebauungsdichtigkeit, eine ungenügende Trennung zwischen Wohn- und Industrievierteln, ein Mangel an Freiflächen, Grünanlagen, Parks, Kinderspielplätzen usw., so sind die hygienischen und sozialen Mißstände überhaupt nicht abzusehen. Tel Aviv zeigt alle diese Mängel in geradezu erschreckend aufgehäuftem Ausmaße. Mit schwerster Besorgnis muß jeder Palästinafreund dieses Stadtgebilde betrachten, das alleinein Drittel der jüdischen Bevölkerung in sich schließt, und dessen Planung in seinem gegenwärtigen entscheidenden Entwicklungs- Stadium aus einer längst überholten Vorstellungswelt heraus, von einer ihrer Aufgabe offenbar nicht gewachsenen Baubürokratie angelegt wird. Es ist auffällig, daß in allen Kreisen Palästinas einer grundsätzlichen und sachkundigen Erörterung der hier angedeuteten Probleme nur ein geringes Interesse entgegengebracht wird. Die Bodenspekulation läßt sich wie jedes andere Problem der Wirtschaft und Verwaltung nicht mit moralisierender Entrüstung erledigen. Der ganze weitschichtige Fragenkreis, der etwa durch die Stichworte: Landesplanung, Stadtbebauungsplan, Bauordnung, Enteignungsrecht, Wohnungsbau und Wohnungsfinanzierung, Grundstückhypotheken und Mietrecht, Grund- und Gebäudesteuern umrissen wird, hat bisher nur selten vom allgemeinen Standpunkt aus eine realistische und fachkundige Behandlung gefunden. Eine rühmenswerte Ausnahme macht die ausgezeichnete, im Jahre 1929 erschienene Schrift von Dr. Granovsky über »Boden und Siedlung in Palästina«. Die Ausführungen von Granovsky widerlegen auch den im Privatgespräch häufig gehörten Einwand, es lägen in Tel Aviv wie überhaupt in Palästina wirtschafts- und verwaltungspolitisch besonders geartete Verhältnisse vor, die der an europäischen Vorbildern geschulte Kritiker nicht genügend in Rechnung stelle. Besonderheiten liegen selbstverständlich vor, wie auch jedes europäische Land seine aus Klima, geschichtlicher Tradition, Lebensstandard und Lebensgewohnheit erwachsene Eigenart besitzt. Diese Besonderheiten Palästinas sind aber nicht grundsätzlicher Natur. Die Bodenspekulation in Tel Aviv zeigt in ihren Methoden keine strukturellen Unterschiede von dem Boden- und Bauschwindel, der auch in jedem europäischen Lande die Prosperity zu begleiten pflegt. Wenn beispielsweise die Wertzuwachssteuer, wie man in Palästina häufig annimmt, als alleiniges Mittel zur Bekämpfung der Bodenspekulation zur Verfügung stände, wäre die Situation hoffnungslos. In Wahrheit Hegt aber das Schwergewicht des Kampfes gegen den Bodenwucher im Inhalt der Bauvorschriften. Der in der theoretischen Wohnungsliteratur seit Jahrzehnten geführte Streit, ob die hohen Bodenpreise die hochgeschossige Mietkaserne nach sich ziehen oder ob umgekehrt diese hochgeschossige Mietkaserne erst die Steigerung des Bodens hervorgerufen hat, ist durch die Praxis im wesentlichen im Sinne der zweiten Alternative entschieden. In manchen europäischen Großstädten hat eine neue Bauordnung, die die Ausnutzbarkeit der Grundstücke beschränkte und die überhöhte Geschoßzahl auf ein vernünftiges Maß »herabzoonte«, geradezu Wunder gewirkt und die spekulativ erhöhten Bodenpreise auf einen vertretbaren Satz herabgedrückt.