Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 18 (1935)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1935)
- Article
- Arbeiterbewegung. Von Dr. A.T.
- Date
- 1935-12-01
- Page
- Seite 675 (sequence 4)
- Language
- German
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Hier beginnt denn auch die zweite tiefe Problematik des Arbeiterkulturwerkes in Palästina. Nicht bloß um die Erziehung der jüngeren Generation geht es, sondern auch um die nicht weniger dringende Aufgabe der Eingliederung der Massen der ins Land strömenden Arbeiterschaft in das Kulturleben des Landes, bzw. in das spezifische Kulturleben der Arbeiterschaft. Die Zahl der jüdischen Arbeiter in Palästina wächst rapid von Monat zu Monat, noch stärker als die allgemeine Zahl der jüdischen Bevölkerung im Lande. Im Rahmen der Histadruth sind heute, wenn man die Arbeiterfrauen mit hinzurechnet, zirka 95.000 Arbeiter vereinigt, eine gewaltige Zahl, in der der Proporz zwischen den älteren Schichten aus der zweiten und dritten Alijah und den neu Eingewanderten sich bereits längst zu Ungunsten der Ersteren verschoben hat. Und es handelt sich keineswegs bloß um die zeitliche Reihenfolge. Die zweite, zum großen Teile auch die dritte Alijah stellte eine Auslese der jüdischen Jugend in den Galuthländern dar. Es kamen fast lauter Leute mit einem hohen Kulturniveau, die sich ihrer Aufgaben im Lande bewußt blieben und auch in den meisten Fällen die hebräische Sprache mehr oder weniger gut beherrschten. Ganz anders sieht heute die Situation aus. Mag auch das Sieb der Hechaluz-Organisationen in mancher Beziehung reinigend wirken, es ist doch ausgeschlossen, bei einer Massenalijah dasselbe Niveau zu wahren, wie in den früheren Jahren, um so mehr als die Einwanderung ins Land heute in vielen Fällen unter dem Drucke der wirtschaftlichen Not oder der politischen Verfolgungen geschieht. So kommen denn heute Tausende von Arbeitern ins Land, deren Kulturniveau ein niedriges ist, die die hebräische Sprache nicht kennen und für gesellschaftliche Fragen überhaupt nur ein geringes Interesse offenbaren. Die Jagd nach einem größeren Verdienst, übermäßige Konzentrierung in den Städten, Verflachung des Gesellschaftslebens, vom Sprachenbabel bereits abgesehen, sind die Konsequenzen einer derartigen Einwanderung, mögen auch hie und da noch andere Beweggründe (z. B. der Wille, der notleidenden Familie im Auslande zu helfen oder möglichst viel Geld zu sparen, um sich dann ansiedeln zu können) mitwirken. Es handelt sich da allerdings um ein allgemeines Übel und doch bleibt es für die Arbeiterschaft charakteristisch, daß sie sich ihm am Entschiedensten entgegenstellt. In erster Reihe wird der hebräische Analphabetismus bekämpft. Ein Netz von Sprachkursen in 23 Punkten des Landes mit über 2500 Hörern wurde ins Leben gerufen, peinlichst wird die Vorherrschaft der hebräischen Sprache als Umgangssprache gewahrt, die in allen Sitzungen und Versammlungen gebraucht wird und in der auch das gesamte Schrifttum der Arbeiterschaft (selbst die linken Poale-Zion, zum Teile auch die Kommunisten mit eingerechnet) erscheint. Und doch erschöpft sich damit noch nicht die Kulturtätigkeit der Histadruth. Man versteht es dort sehr gut, daß man hebräisch reden und doch Analphabet im gesellschaftlichen Sinne des Wortes sein kann. So wird denn das Bildungswesen der Erwachsenen letztens stark in den Vordergrund geschoben. Vorlesungen aller Art in den Städten und Arbeitersiedlungen, besondere Arbeiterseminare im Tel Aviv und Jerusalem, viele Arbeiterklubs und -häuser, Förderung des Musik- und Theaterlebens (ein künstlerisch hochstehendes Arbeitertheater existiert bereits im Lande seit vielen Jahren, ein anderes befindet sich gegenwärtig im Stadium der Gründung), ein reges Verlagswesen, all dies zusammen schafft das Bild einer Kulturarbeit, wie sie in dieser Intensität wohl kaum in einer anderen Arbeiterbewegung der Welt zu finden ist. Und doch ist die jüdische Arbeiterbewegung weit davon entfernt, mit dem bisher auf diesem Gebiet Erreichten zufrieden zu sein, es wird umgekehrt letztens viel über die Notwendigkeit diskutiert, das Tempo der Kulturarbeit zu stärken und sie tiefer ins Leben der Arbeiterschaft einwurzeln zu lassen. Es wird insbesondere Klage erhoben, daß die Intensität der Kulturarbeit in keinem richtigen Verhältnis zur Stärke der übrigen Er-